Freitag, 16. Oktober 2026

Mark Harrisons 10 Lektionen für eine Industriepolitik im Verteidigungsfall

Die meisten europäischen Länder sind nicht ausreichend auf einen Krieg vorbereitet. Damit wirken sie auf mögliche Aggressoren weniger abschreckend und riskieren sogar, dass ein Angriff früher erfolgt, warnt der Wirtschaftshistoriker Mark Harrison (University of Warwick) in einem neuen Kiel Report.



Lektion 1: Öffentliche Finanzierung von Kapazitäten


  • Kernaussage: Ohne öffentliche Finanzierung wird zu wenig Anlagekapital für die Verteidigungsindustrie bereitgestellt.

  • Kommentar: Private Unternehmen investieren nicht auf eigenes Risiko in teure Rüstungsfabriken, da bei einem schnellen Friedensschluss die Nachfrage bricht und die Anlagen unrentabel werden. Verteidigung ist ein öffentliches Gut.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Sondervermögen Bundeswehr & Munitionsfabriken: Nach Beginn der Vollinvasion der Ukraine 2022 bauten Rüstungskonzerne wie Rheinmetall neue Werke (z. B. in Unterlüß) erst auf, als der Staat langfristige Großaufträge und finanzielle Garantien zusicherte.


Lektion 2: Tempo und staatliche Mobilmachung

  • Kernaussage: Mobilmachung erfordert Tempo und wird ohne politische Eingriffe durch zahlreiche Markt-Friktionen verlangsamt.

  • Kommentar: Im Krisenfall reichen normale Marktmechanismen nicht aus, da Lieferketten und Verhandlungen zu lange dauern. Der Staat muss Durchgriffsrechte nutzen, um Engpässe sofort zu beseitigen.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): US Defense Production Act (2020–2022): Die US-Regierung nutzte dieses Gesetz aus dem Kalten Krieg, um Unternehmen gesetzlich dazu zu verpflichten, staatliche Aufträge zur Beschaffung kritischer Komponenten für Waffen (wie Javelin- und Stinger-Raketen) sowie Impfstoffe bevorzugt zu bedienen.


Lektion 3: Der Wert des Planungsprozesses

  • Kernaussage: Die meisten Kriegspläne waren nutzlos, doch die Kriegsplanung war unverzichtbar – produktiv war der Prozess, nicht der starre Plan.

  • Kommentar: Vorkriegspläne werden durch die Realität des Konflikts schnell obsolet. Der eigentliche Nutzen liegt in den aufgebauten Netzwerken, Kommunikationswegen und der Flexibilität, die beim Planen entstehen.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Ramstein-Format & Drohnen-Taskforces: Die ursprünglichen NATO-Beschaffungspläne basierten auf kurzen Auslandseinsätzen und passten nicht zum Ukraine-Krieg. Das installierte Koordinationsnetzwerk (Ramstein-Kontaktgruppe) erlaubte es den Staaten jedoch, Logistik und Waffenlieferungen monatlich agil anzupassen.


Lektion 4: Effizienz im Abnutzungskrieg


  • Kernaussage: „Sieg um jeden Preis“ ist eine gute Parole, aber in einem langen Krieg kommt es auf effiziente und kostengünstige Mobilisierung an.

  • Kommentar: Im langwierigen Materialkrieg gewinnt nicht die teuerste Technik, sondern die Fähigkeit zur verlässlichen und bezahlbaren Massenfertigung.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): FPV-Drohnen vs. Millionen-Raketen: Die Abwehr einer 20.000-Dollar-Kamikazedrohne (Shahed) mit einer 3-Millionen-Dollar-Patriot-Rakete ist ökonomisch auf Dauer nicht durchhaltbar. Die Ukraine und Russland setzten daher verstärkt auf kostengünstige FPV-Drohnen (einige hundert Dollar) und mobile Flak-Teams.


Lektion 5: Die Gefahr von Preiskontrollen


  • Kernaussage: Preise erfüllen eine Signalfunktion; der Impuls, sie zu kontrollieren, kann die Anpassung an Marktknappheiten behindern.

  • Kommentar: Staatliche Preisdeckel oder Exportstopps sollen Inflation und Kriegsgewinne verhindern, führen aber oft zu Schwarzmärkten, Fehlanreizen und Ausweichreaktionen.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Ölpreisdeckel & Schattenflotten (ab 2022): Der Versuch der G7-Staaten, russisches Seeöl mit einem Preisdeckel zu belegen, führte dazu, dass Russland eine globale „Schattenflotte“ aufbaute und Handel über Drittstaaten abwickelte. Der Markt wich den Kontrollen aus.


Lektion 6: Die Illusion der Autarkie


  • Kernaussage: Der Versuch, vollständige Autarkie zu erreichen, verursacht extrem hohe Kosten und scheitert.

  • Kommentar: Kein Land kann moderne Waffensysteme und Rohstoffe zu 100 % isoliert produzieren. Bündnisse und internationaler Handel sind um ein Vielfaches effizienter als das Erzwingen kompletter Eigenversorgung.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Russlands gescheiterte Importsubstitution: Russland versuchte seit 2014 gezielt, seine Rüstungsindustrie autark zu machen. Nach 2022 zeigte sich jedoch, dass russische Marschflugkörper und Radarsysteme nach wie vor massiv auf westliche Halbleiter angewiesen waren – das Land musste auf Partner wie China und den Iran ausweichen.


Lektion 7: Keine Rettung durch „Wunderwaffen“


  • Kernaussage: Hat ein Abnutzungskrieg einmal begonnen, gibt es keinen technologischen Ausweg in Form einzelner Superwaffen.

  • Kommentar: High-Tech-Systeme können taktische Erfolge bringen, verändern im großflächigen Materialkrieg aber selten die Gesamtlage. Die Masse an funktionierender Standardausrüstung entscheidet.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Hyperschallraketen & Kampfpanzer: Weder russische Hyperschallraketen (Kinschal) noch gelieferte westliche Hauptkampfpanzer (Leopard 2, Abrams) konnten als gefeierte „Gamechanger“ den Verlauf des Ukraine-Kriegs alleine wenden. Minenfelder, Artillerie und Truppenstärke blieben dominierend.


Lektion 8: Inkompetenz ist ein Luxusgut


  • Kernaussage: Inkompetenz und Rent-Seeking (Selbstbereicherung) sind Luxusgüter, die sich nur sehr wohlhabende Länder leisten können.

  • Kommentar: Korruption und Fehlentscheidungen kosten im Krieg direkt Material und Leben. Nur extrem ressourcenreiche Staaten können diese Verluste durch ihre schiere Produktionskraft ausgleichen.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Russische Logistikprobleme 2022 vs. US-Budgets: Zu Beginn der Vollinvasion litt die russische Armee unter verrotteten Reifen und schlechter Versorgung (Folge von Korruption in der Beschaffung), was den Vormarsch auf Kiew stoppte. Umgekehrt fangen die USA Beschaffungsfehler bei Großprojekten (wie Verzögerungen beim F-35-Jet) durch ihr immenses Gesamtbudget auf.


Lektion 9: Die fundamentale Bedeutung der Wirtschaftskraft


  • Kernaussage: Gute Politik ist wichtig, doch letztlich gibt die überlegene Wirtschaftskraft den Ausschlag.

  • Kommentar: Taktisches Geschick kann Schlachten gewinnen, aber das kumulierte Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die industrielle Basis entscheiden über den Ausgang langfristiger Konflikte.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Wirtschaftskraft der NATO vs. Russland: Obwohl Russland seine Wirtschaft massiv auf Kriegsproduktion umstellte (über 6 % des BIP), übertrifft die kombinierte Wirtschaftskraft der NATO-Staaten die Russlands um ein Vielfaches. Sobald diese Wirtschaftskraft in Rüstungsgüter umgemünzt wird, setzt sich das industrielle Übergewicht durch.


Lektion 10: Der Zielkonflikt mit der Nachkriegswohlfahrt


  • Kernaussage: Kriegswirtschaftliche Industriepolitik kann der Wohlfahrt in der Nachkriegszeit im Weg stehen – doch Vorbereitung ist notwendig, um den Krieg überhaupt zu überstehen.

  • Kommentar: Hohe Rüstungsausgaben entziehen der Zivilwirtschaft (Bildung, Gesundheit, Infrastruktur) Ressourcen. Es entsteht ein Zielkonflikt zwischen Wohlstand im Frieden und Sicherheit im Ernstfall.

  • Beispiel (letzte 20 Jahre): Russlands Überhitzung & Europäische Haushaltsdebatten:

    • Russland: Die Umstellung auf Kriegswirtschaft bringt kurzfristig Wachstum, führt aber zu extremer Inflation und Verfall der zivilen Infrastruktur.

    • Europa: In Demokratien entbrannte die Debatte, wie der Bau von Munitionsfabriken und Aufrüstung finanziert werden kann, ohne Sozial- und Investitionshaushalte nachhaltig zu schädigen.