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Massendemonstrationen 2025/2026 - ai
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1. Wie das System entstanden ist
Die heutige politische Ordnung im Iran wurzelt in einem der einschneidendsten Ereignisse der modernen Nahostgeschichte:
Die Revolution von 1979
1979 führte eine breite Volksbewegung zum Sturz der Monarchie unter Schah Mohammad Reza Pahlavi. Angeführt wurde diese Bewegung von religiösen Kadern um Ayatollah Ruhollah Chomeini, der eine neue, religiös legitimierte Staatsordnung etablierte. Der zuvor autoritäre, aber säkulare Staat wurde ersetzt durch die Islamische Republik Iran, ein System, in dem religiöse Autorität über das Volk herrscht.
Aus der Revolution entstand eine neue Verfassung, die zwar formal Elemente wie Wahlen vorsah, aber gleichzeitig ein System schuf, in dem alle staatlichen Institutionen von nichtgewählten islamischen Autoritäten kontrolliert werden – vor allem vom Obersten Führer und dem Wächterrat, der die Gesetzgebung und die Zulassung politischer Kandidaten kontrolliert.
Theokratie bedeutet: Macht durch religiöse Legitimation
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Die oberste Autorität ist der „Supreme Leader“, derzeit Ayatollah Ali Khamenei.
- Er kontrolliert Sicherheitsorgane, Justiz, Medien und große Teile der Wirtschaft.
- Wahlen finden statt, aber Kandidaten dürfen nur antreten, wenn sie vom Wächterrat zugelassen werden – was unabhängige Opposition praktisch ausschließt.
Seitdem haben führende Kleriker wiederholt den Staat so gestaltet, dass religiöse Legitimität über demokratische Teilhabe gestellt wird. Diese Entwicklung war kein unvermeidlicher historischer Prozess, sondern Ausdruck politischer Entscheidungen und Machtkämpfe der damaligen Führungsschicht.
2. Was die Menschen im Iran heute erleben
Die Lage vor Ort ist dramatisch und vielfach dokumentiert:
Systematische Repression und Gewalt
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Hunderttausende wurden in den letzten Jahren willkürlich festgenommen, Folter, Misshandlungen und unangemessene Strafen wie Auspeitschungen oder Todesurteile sind an der Tagesordnung.
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Die Todesstrafe wird politisch eingesetzt, um Protestbewegungen einzuschüchtern. Amnesty International berichtet über mindestens 30 Todesurteile im Zuge der Protestwelle 2025–2026 und oft willkürliche Verfahren ohne fairen Rechtsbeistand.
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Menschenrechtsorganisationen dokumentieren den Einsatz von Gewalt gegen sogar unbewaffnete Demonstrierende: gezielte Schüsse, systematisches Zerschlagen von Protesten und ein Mangel an Verantwortlichkeit der Sicherheitskräfte.
Unterdrückung kultureller und persönlicher Freiheiten
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Frauen und Mädchen stehen im Fokus staatlicher Kontrolle, etwa durch Vorschriften zum Kopftuch. Dies betrifft grundlegende Rechte, wie Bildung, Berufsausübung oder Bewegungsfreiheit.
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Ethnische und religiöse Minderheiten (z. B. Baha’i) werden diskriminiert und oft Opfer staatlicher Gewalt.
Wirtschaftliche Krise und Gesellschaftlicher Druck
Die Menschen im Iran leiden auch unter wirtschaftlicher Stagnation, hoher Inflation und Arbeitslosigkeit. Diese soziale Verunsicherung verschärft den Unmut gegenüber der politischen Führung und ihre Fähigkeit, legitime Bedürfnisse zu erfüllen.
3. Ein Ausmaß der Gewalt, das kaum zu fassen ist
Die Gewalt, mit der der Staat gegen Demonstrierende vorgeht, ist systemisch, brutal und oft tödlich:
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Seit Ende Dezember 2025 und besonders in den Tagen vom 8. und 9. Januar 2026 kommt es zu massiven Massakern an Protestierenden, als Sicherheitskräfte „to shoot to kill“ befahlen und ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht oder Bewaffnung schossen.
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Offizielle Zahlen der iranischen Regierung sprechen von 3 117 Toten in den Protesten (inklusive Sicherheitskräfte), die die Staatspresse veröffentlichte.
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Menschenrechtsgruppen außerhalb des Iran dokumentieren deutlich höhere Opferzahlen: Die Human Rights Activists News Agency (HRANA) erfasste über 7 000 bestätigte Todesfälle durch staatliche Gewalt – darunter auch mindestens mehrere hundert Kinder – und befindet sich weiterhin in laufender Überprüfung weiterer Fälle.
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Andere Schätzungen gehen noch viel höher: Datenlecks interner Behörden und Krankenhausarchive deuten darauf hin, dass allein an den zwei blutigsten Tagen im Januar mehr als 30 000 Menschen getötet wurden – teilweise so viele, dass Leichensäcke und Transportkapazitäten nicht mehr ausreichten und improvisierte Sammelstellen nötig waren.
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Internationale Organe wie der UN-Menschenrechtsrat erklärten, die tatsächliche Zahl der Todesopfer könnte 20 000 oder sogar mehr als 36 000 erreichen, wenn alle unregistrierten Opfer mitgezählt würden.
Leichen auf Straßen und öffentlicher Schauplatz des Terrors
Berichte aus dem Iran – trotz der massiven Internet- und Kommunikationssperren – schildern unvorstellbare Szenen:
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In vielen Städten lagen Leichen von Getöteten stunden- oder tagelang auf Straßen, Plätzen und in Parks, bevor sie abgeholt werden konnten, weil die Kapazitäten der Krankenhäuser und Bestattungsdienste weit überschritten waren.
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In mehreren Regionen berichteten Menschen davon, dass Trucks und große LKWs anstelle von Krankenwagen eingesetzt wurden, um Tote und Verletzte zu transportieren, weil die Zahl der Opfer zu groß war. Die Krankenhäuser waren total überlastet. Sie stellen auch den Tod fest.
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Augenzeugen schildern, dass Sicherheitskräfte häufig Leichen in großer Zahl von Schauplätzen entfernten oder teilweise ihre Identität verschleierten, bevor sie an Familien übergeben wurden – ein Versuch, die Dimension der Gewalt zu verschleiern.
Überwältigende Zahl der Verletzten und Festgenommenen
Neben den Todesopfern ist die Zahl der Verletzten und Gefangenen enorm:
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Zehntausende Menschen wurden allein im Zuge dieser Protestwelle festgenommen, mit Berichten über über 50 000 festgenommene Demonstrierende.
- Viele der Verhafteten sind noch immer inhaftiert, vielfach ohne Zugang zu Rechtsbeistand und unter grausamen Haftbedingungen.
4. Warum Veränderung so schwer ist
Trotz der Proteste ist ein Wandel nicht einfach:
Strukturelle Machtverhältnisse
Die Institutionen der Theokratie sind absichtlich so konstruiert, dass Macht konzentriert bleibt:
- Der Oberste Führer steht über dem Präsidenten.
- Sicherheitsorgane wie die Revolutionsgarde operieren weitgehend autonom und nutzen brutale Gewalt zur Kontrolle.
Repression und Abschreckung
Gewalt, willkürliche Verhaftungen, Einschüchterung und Massenprozesse dienen dazu, die Bevölkerung zu entmutigen – und senden ein klares Signal: jegliche Opposition wird teuer bezahlt.
Informationskontrolle
Internetzensur und Blackouts erschweren die Mobilisierung und die internationale Aufmerksamkeit – staatliche Stellen versuchen, Proteste digital zu ersticken.
Internationale Spannungen
Iran steht unter internationalen Sanktionen, und geopolitische Spannungen (z. B. mit den USA und regionalen Gegnern) verkomplizieren externe Einflussmöglichkeiten und lähmen oft die Hoffnung auf schnelle Verbesserungen.
5. Wie kann Veränderung möglich werden?
Es gibt mehrere Ebenen, auf denen Veränderung denkbar erscheint — doch jede birgt Herausforderungen:
a) Innergesellschaftliche Dynamik
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Fortgesetzter ziviler Ungehorsam: Historisch entsteht Veränderung oft durch Druck von unten – zivilgesellschaftliche Bewegungen, die kontinuierlich das System infrage stellen.
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Netzwerke der Solidarität innerhalb der iranischen Gesellschaft, besonders unter Jugendlichen und Frauen, stärken den sozialen Zusammenhalt und die Bereitschaft zu Veränderungen.
b) Rechtsstaatlichkeit und Reformdruck
Dies ist im aktuellen System schwierig, aber nicht völlig ausgeschlossen, wenn innenpolitischer Druck und Koalitionen von Reformgruppen wachsen.
c) Internationale Unterstützung und Menschenrechtsarbeit
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Internationale Aufmerksamkeit und dokumentierte Berichte menschlicher Gewalt machen es schwieriger, gewaltsame Unterdrückung zu verschleiern.
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Menschenrechtsarbeit (z. B. Amnesty International) hält Repressionen im Fokus der Öffentlichkeit und fordert Rechenschaft ein.
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Internationale diplomatische und wirtschaftliche Initiativen können Druck ausüben, ohne die Bevölkerung zu schwächen.
d) Bildung und kultureller Wandel
Langfristig hat Bildung und kultureller Austausch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss:
6. Wie wird die Veränderung stattfinden?
Das Problem der Menschen im Iran ist kein bloßes politisches Unterdrücktsein - es ist ein komplexes soziales, kulturelles und politisches Gefüge aus jahrzehntelanger religiöser Herrschaft, struktureller Gewalt und einem tiefen gesellschaftlichen Wunsch nach Freiheit und Würde.
Veränderung kann weder von heute auf morgen geschehen noch allein durch äußeren Druck erreicht werden. Sie braucht kontinuierlichen sozialen Mut, rechtliche Reformen, internationalen Menschenrechtsdruck und eine tiefgreifende Transformation der politischen Kultur.
Dies ist ein langer Weg — aber die Stimmen der Menschen im Iran zeigen, dass der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung stark und lebendig ist.
7. Gibt es eine Einmischung der USA?
Viele Menschen im Iran hoffen auf Schutz, auf internationale Intervention, auf ein Signal, dass das Regime Grenzen überschreitet.
Die Realität ist bitter: Die US-Militärpräsenz schützt nicht vor Schüssen auf Demonstranten, sie kann eher vom Regime propagandistisch genutzt werden („ausländische Einmischung“). Trump hat keine militärische Hilfe für iranische Proteste aktiviert. Seine Zerstörer und Aufklärer dienen der regionalen Abschreckung, nicht der Befreiung. Kein US-Präsident – auch Trump nicht – wird einen Krieg beginnen, um einen Volksaufstand zu schützen.
Solange der Iran seine Gewalt nach innen richtet, keine US-Soldaten tötet, Israel oder arabische Verbündete nicht direkt massiv angreift, Handelsrouten nicht lahmlegt, wird es keinen US-Militärschlag geben, egal wie brutal das Regime vorgeht. Aller Aufmarsch der USA dient als Drohung hinsichtlich der iranischen atomaren Raketen und eventuellem Raketeneinsatz gegen US-Stützpunkte, -Schiffe oder gegen Israel.
8. Nachbarstaaten
Die Türkei ist besorgt über die Auswirkungen, die der Zusammenbruch des iranischen Regimes auf die innere Sicherheit der Türkei haben könnte. Bloomberg berichtete am 24. Februar unter Berufung auf „mit der Angelegenheit vertraute Personen“, dass sich der Schwerpunkt der Luftüberwachung der Nordatlantikvertrags-Organisation (NATO) in der Türkei von Russland auf den Iran verlagert habe. Die Quellen gaben an, dass die Türkei besorgt sei über die Möglichkeit eines Zustroms von Flüchtlingen aus dem Iran in die Türkei im Falle eines „größeren Konflikts“. Die Quellen fügten hinzu, dass die Türkei erwägt, in der Nähe der iranisch-türkischen Grenze Lager für Flüchtlinge einzurichten und Truppen im Iran zu stationieren, um „im Falle eines Machtvakuums im Iran“ zu verhindern, dass Flüchtlinge in die Türkei gelangen.
Eine neu gegründete Koalition kurdischer Anti-Regime-Organisationen hat ihre Vision für die Verwaltung der kurdisch geprägten Gebiete im Iran im Falle eines Zusammenbruchs des iranischen Regimes dargelegt, was das Potenzial für eine Spaltung des Iran im Falle eines Zusammenbruchs des Regimes widerspiegelt. Kurdische Anti-Regime-Gruppen gründeten am 22. Februar die „Koalition der politischen Kräfte im iranischen Kurdistan“ mit dem erklärten Ziel, Selbstbestimmung zu erreichen. Der Koalition gehören die Kurdistan Freedom Party (PAK), die Democratic Party of Iranian Kurdistan (PDKI), die Kurdistan Free Life Party (PJAK), die Organization of Iranian Kurdistan Struggle und die Komala of the Toilers of Kurdistan an. Der Vorsitzende der PDKI, Mostafa Hejri, erklärte am 23. Februar gegenüber iranischen Medien im Exil, dass die Koalition einen „gemeinsamen Plan zur Verwaltung” der kurdisch geprägten Gebiete des Iran während der „Übergangsphase” erstellt habe, womit er den Zeitraum zwischen dem Zusammenbruch des derzeitigen iranischen Regimes und der Bildung einer neuen Zentralregierung meinte. Diese Erklärung macht deutlich, dass kurdische Oppositionsgruppen den möglichen Zusammenbruch des Regimes in Betracht ziehen und entsprechende Pläne schmieden. Hejri fügte hinzu, dass die Bürger in den mehrheitlich kurdischen Gebieten „die Regierungsorgane Kurdistans” wählen würden, um „die Verwaltung der Region zu übernehmen”, nachdem eine neue iranische Zentralregierung gebildet worden sei. Die Koalition gab am 22. Februar eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie ebenfalls ihr Ziel der Errichtung eines „demokratischen Verwaltungssystems in Kurdistan“ darlegte. Verschiedene separatistische und regimekritische militante Gruppen sind im Iran aktiv, darunter im Nordwesten und Südosten des Landes. Der Zusammenbruch des iranischen Regimes könnte die Voraussetzungen für eine Spaltung des Iran schaffen, wenn diese Gruppen versuchen würden, das vom Regime hinterlassene Machtvakuum zu füllen.
Irak
Teile der schiitischen Milizen im Irak haben angekündigt, sie würden im Krisenfall den iranischen Staat unterstützen, etwa durch Aufruf zu „Jihad“ zugunsten Teherans. Parallel gibt es irakische Gruppen, die die Protestbewegung begrüßen, weil sie die Angst vor regionaler Unterdrückung teilen – das ist aber nicht die offizielle Irak-Regierungsposition.
Afghanistan & Turkmenistan
Diese Grenzen sind weniger politisch, mehr sicherheits- und migrationspolitisch relevant: Eine Eskalation im Iran könnte Flüchtlingsbewegungen nach Afghanistan oder Turkmenistan auslösen. Offizielle Erklärungen dieser Länder sind bislang sehr vorsichtig und neutral — Hauptaugenmerk gilt der eigenen Sicherheit.
Saudi-Arabien
Einerseits historisch Rivale des Iran, andererseits politisch vorsichtig: Saudi-Arabien hat nicht offen zum Sturz der iranischen Regierung aufgerufen. Stattdessen hat es strategisch Ölproduktion erhöht, um mögliche Marktturbulenzen bei einer Eskalation abzufedern und betont, dass eine militärische Eskalation die Region destabilisieren würde. Das zeigt: Wirtschaftliche Interessen und Stabilitätsdenken überlagern ideologische Rivalität.
Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Ägypten
Viele Golfstaaten lehnen eine direkte militärische Intervention im Iran ab und haben die USA gebeten, eine Eskalation zu vermeiden. Einige weigern sich, ihre Lufträume für mögliche Angriffe auf Iran zur Verfügung zu stellen. Hintergrund: Diese Staaten wünschen regionale Stabilität und fürchten eine Eskalation, die Flüchtlingsströme, Gewaltexport und wirtschaftliche Turbulenzen auslösen könnte.
Militärische Verbündete und nicht direkte Nachbarn
Russland
Russland nennt seine Beziehung zum Iran „strategisch partnerschaftlich“. Moskau betont, dass westliche Spannungen den regionalen Dialog nicht zerstören sollten und sieht keine Gründe, sein Engagement mit Teheran zu stoppen. Praktisch bedeutet das: politische Deckung ohne direkten militärischen Beistand.
China
China hat bei einer UN-Resolution gegen die Niederschlagung der Proteste im Iran im Menschenrechtsrat gegen eine Verurteilung des Iran gestimmt. Peking hält an wirtschaftlichen Beziehungen fest und will die Lage nicht weiter eskalieren lassen. Bei UN-Abstimmungen reagiert China mit Indien neutral/unterstützend, aber gegen verurteilende Resolutionen.
Nichtstaatliche regionale Akteure
Hisbollah (Libanon): Hat öffentlich erklärt, dass sie nicht neutral bliebe, falls Iran angegriffen würde. Das erhöht die Gefahr, dass ein Konflikt zwischen Staaten zu einem breiteren regionalen Flächenbrand führen könnte.
Huthi-Bewegung (Jemen): Drohte, sich zu engagieren, falls Iran angegriffen wird, was die Lage im Roten Meer zusätzlich destabilisieren könnte.
Internationale und europäische Positionen in der Region
Zwar sind das keine direkten Nachbarstaaten, doch sie beeinflussen regionale Dynamiken: Der UN-Menschenrechtsrat verurteilte die Brutalität im Iran und forderte Untersuchungen.
Westliche Staaten (z. B. EU-Mitglieder, USA) haben die Gewalt verurteilt und Sanktionen verschärft, während einige Länder (Indien, China) bei UN-Abstimmungen neutral oder gegen verurteilende Resolutionen stimmten.