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Samstag, 24. Januar 2026

Kältewelle: Obdachlose und fast kein Ende!

Obdachlose im Winter
Ai, gemeinfrei


Bundespräsident Frank‑Walter Steinmeier warnte bereits bei zurückliegenden Kältewellen eindringlich vor der lebensgefährlichen Lage Zehntausender obdachloser Menschen in Deutschland. Er sagte, die Situation sei „unerträglich“, und die Politik dürfe sich daran „nicht gewöhnen“ – sie müsse handeln. Laut mehreren übereinstimmenden Berichten aus dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) äußerte der Bundespräsident Folgendes: 
  • Die Kältewelle zeige „besonders dramatisch, was jeden Tag unerträglich ist: dass Zehntausende Menschen in Deutschland auf der Straße leben müssen“. 
  • „Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen, und das zu ändern, ist Aufgabe der Politik.“ 
  • Er zeigte sich „besorgt über die Lebensverhältnisse von Obdachlosen“ und dankte allen, die in den eisigen Nächten helfen, wie z.B. Notunterkünfte, Suppenküchen und Kältebusse.  
Sozialverbände berichteten zeitgleich von ersten Kältetoten, was Steinmeier als zusätzlichen Handlungsdruck hervorhob. Die Berichte sprechen von Zehntausenden Obdachlosen: eine häufig genannte Zahl ist rund 56.000 Menschen in Deutschland, die tatsächlich auf der Straße leben (ohne Unterkunft). Die aktuellsten verfügbaren Zahlen zeigen zwei Größenordnungen: Rund 900.000 Menschen leben in Europa obdachlos, während breitere Schätzungen von mindestens 1,3 Millionen Menschen ohne Wohnung ausgehen. Der Unterschied entsteht, weil einige Berichte nur Obdachlose zählen (Menschen, die tatsächlich auf der Straße leben, keine Notunterkünfte besuchen, aber im Foyer des Bahnhofs übernachten, wenn man sie lässt - was mittlerweile eine Seltenheit ist), während andere alle Wohnungslosen einschließen (z. B. Notunterkünfte). Die Zahlen sind durcheinander.

Gesamtzahl der Obdachlosen in der EU

  1. Zahl der Obdachlosen (Menschen, die auf der Straße leben) läge bei etwa 900.000 Menschen in Europa. Diese Zahl stammt aus einem Bericht von FEANTSA und Fondation Abbé Pierre (2023).
  2. Zahl der Wohnungslosen (inkl. Notunterkünfte, Übergangswohnheime) wäre höher: etwa 1.300.000 Menschen in Europa haben keine eigene Wohnung. Diese Zahl umfasst alle Formen von Wohnungslosigkeit.


Warum gibt es zwei verschiedene Zahlen?

Die EU selbst führt keine einheitliche Statistik – die Daten stammen von Verbänden und internationalen Organisationen. Wir können davon ausgehen, dass rund 900.000 Menschen in Europa tatsächlich auf der Straße schlafen, aber mindestens 1,3 Millionen Menschen keine eigene Wohnung haben. Beide Zahlen steigen seit Jahren – trotz des EU‑Ziels, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden. Die EU hat das Ziel „Obdachlosigkeit bis 2030 beenden“ politisch ausgerufen – aber es ist nicht rechtsverbindlich, nicht mit Sanktionen hinterlegt und verpflichtet die Mitgliedstaaten zu nichts Konkretem. Deshalb können weiterhin Hunderttausende Menschen obdachlos sein, obwohl das Ziel existiert.


Warum trotz EU‑Ziel noch 456.000 Menschen obdachlos sind

Das EU‑Ziel ist politisch, nicht rechtlich bindend. Die EU hat 2021 die Europäische Plattform zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit gegründet. Dort wurde das Ziel formuliert, Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden. Aber es gibt keine EU‑Gesetze, die Staaten verpflichten, Obdachlosigkeit abzuschaffen. Es gibt keine Sanktionen, wenn Staaten das Ziel verfehlen. Die EU kann im Wohnungswesen nicht direkt eingreifen, weil Wohnpolitik nationale Kompetenz ist. Das Ziel ist also ein politisches Versprechen, kein einklagbares Recht.

Die Zahl 456.000 betrifft Wohnungslose in der EU, nicht nur Obdachlose. 
Die Zahl stammt aus der Wohnungslosenstatistik 2022/23 und umfasst alle Wohnungslosen, nicht nur die, die draußen schlafen.
Die Zahl der tatsächlich auf der Straße lebenden Menschen liegt laut FEANTSA und Bundesregierung bei rund 50.000–60.000. 

Die EU kann Ziele setzen – aber die Umsetzung liegt bei den Staaten. Deutschland hat das EU‑Ziel übernommen und im Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit festgeschrieben: „Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, die Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden.“ Aber auch hier gilt:
  • Der Aktionsplan ist kein Gesetz.
  • Es gibt keine verbindlichen Maßnahmen, nur Empfehlungen.
  • Die Umsetzung hängt von Ländern und Kommunen ab.
Der Wohnungsmarkt ist angespannt, besonders im unteren Segment. Europaweit steigt Obdachlosigkeit. trotz des Ziels: Laut FEANTSA und EU‑Daten leben über 1,3 Millionen Menschen in Europa ohne Wohnung. Die EU erkennt selbst, dass Obdachlosigkeit in vielen Ländern weiter zunimmt.
Das zeigt: Ein Ziel ohne verbindliche Gegenmaßnahmen ändert die Realität nicht automatisch.

Die EU hat ein ambitioniertes Ziel formuliert – aber ohne rechtliche Verbindlichkeit, ohne Sanktionen und ohne direkte Eingriffsmöglichkeiten in die nationale Wohnpolitik. Deshalb können weiterhin Hunderttausende Menschen wohnungslos sein, obwohl das Ziel „keine Obdachlosen bis 2030“ existiert.

Wer verfolgt das EU‑Ziel?

Die EU hat 2021 die „Europäische Plattform zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit“ (EPOCH) gegründet. Beteiligt sind: EU‑Kommission, EU‑Mitgliedstaaten, Städte und Kommunen, NGOs wie FEANTSA, Caritas Europa, Rotes Kreuz, Sozialministerien der Länder.
Die Plattform setzt politische Ziele, aber keine verbindlichen Gesetze.

Wer arbeitet in Deutschland daran?

Deutschland hat 2023 den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP) beschlossen. Beteiligt sind:
- Bundesministerium für Wohnen (BMWSB)
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)
- Länder und Kommunen
- Wohlfahrtsverbände (Caritas, Diakonie, AWO, DRK, Paritätischer)
- Straßenhilfen und Kältehilfen
- Wohnungswirtschaft
Der Plan ist aber nicht rechtsverbindlich – er ist ein Koordinationsinstrument. 


Wird wirklich daran gearbeitet?

Ja – aber ungleich und unzureichend.

Was tatsächlich passiert:
- Ausbau von Housing‑First‑Projekten in mehreren EU‑Ländern
- EU‑Fördermittel für sozialen Wohnungsbau
- Nationale Aktionspläne (Deutschland, Spanien, Irland, Portugal)
- Kommunale Programme (z. B. Wien, Helsinki, Kopenhagen)

Was NICHT passiert:
- EU‑weite verbindliche Vorgaben
- Sanktionen, wenn Staaten das Ziel ignorieren
- einheitliche Statistik
- Pflicht, Housing First flächendeckend einzuführen
- Garantie für sozialen Wohnraum

Das Ergebnis: Einige Länder machen viel – andere fast nichts.


Warum ist das Ziel so schwer umzusetzen?

Wohnpolitik ist nationale Kompetenz, die EU darf nicht eingreifen. Viele Länder haben Wohnungsnot, steigende Mieten, zu wenig Sozialwohnungen. Obdachlosigkeit ist kommunal organisiert, nicht zentral. Es gibt keine einheitliche Definition von Obdachlosigkeit. Die EU‑Ziele sind politische Absichtserklärungen, keine Verpflichtungen.

Fazit
Ja, es wird daran gearbeitet – aber:
- Die EU setzt Ziele, aber keine Gesetze.
- Die Mitgliedstaaten entscheiden selbst, wie ernst sie es nehmen.
- Deutschland hat einen Aktionsplan, aber keine verbindlichen Maßnahmen.
- Die Umsetzung hängt fast vollständig von Städten und Kommunen ab. Deshalb ist das Ziel „keine Obdachlosen bis 2030“ realistisch kaum erreichbar, obwohl es offiziell verfolgt wird.





Land Maßnahmen Bewertung
Finnland Flächendeckendes Housing First, massiver sozialer Wohnungsbau, Obdachlosigkeit seit Jahren rückläufig Vorbildlich
Dänemark Housing First in vielen Kommunen, gute Datenlage, langfristige Finanzierung Sehr gut
Portugal Nationale Strategie, Ausbau von Housing First, Nutzung von EU‑Mitteln für sozialen Wohnungsbau Gut
Irland Ambitionierter Housing‑First‑Plan, staatliche Finanzierung, regelmäßige Berichte Gut
Spanien Nationale Strategie, EU‑Gelder für Wohnraum, erste Housing‑First‑Programme Fortschrittlich

Land Maßnahmen Bewertung
Deutschland Nationaler Aktionsplan, aber unverbindlich; Housing First nur punktuell; keine bundesweite Statistik Mittelmäßig
Frankreich Große Hilfsprogramme, aber wenig Housing First; Obdachlosigkeit steigt weiter Mittelmäßig
Belgien Housing‑First‑Pilotprojekte, fragmentiert zwischen Regionen Mittelmäßig
Niederlande Gute kommunale Programme, aber keine umfassende nationale Strategie Mittelmäßig
Österreich Wien stark, Rest des Landes schwächer; keine einheitliche nationale Strategie Uneinheitlich

Land Maßnahmen Bewertung
Italien Keine nationale Strategie, begrenzte lokale Hilfen, schwache Datenlage Schwach
Griechenland Wenig strukturierte Programme, kaum Housing‑First‑Ansätze Schwach
Ungarn Repressive Politik gegenüber Obdachlosen, keine präventive Gesamtstrategie Sehr schwach
Bulgarien Keine nationale Strategie, sehr begrenzte Hilfsstrukturen Sehr schwach
Rumänien Keine systematische Wohnungslosenpolitik, kaum strukturierte Hilfen Sehr schwach


Sind Bahnhöfe noch Zufluchtsorte?

Ein Bahnhof zählt hier nur dann als „Ziel bei Kälte“, wenn mindestens zwei dieser Punkte zutreffen:

  • nachts teilweise offen oder faktisch geduldet
  • keine sofortige Vertreibung durch Security bei ruhigem Verhalten
  • Bahnhofsmission / Streetwork direkt vor Ort
  • Erfahrungswissen aus Kältehilfe / Sozialarbeit: „Da kommt man durch“


Bahnhöfe, die noch infrage kommen

Berlin

Berlin Zoologischer Garten
  • kleiner, unübersichtlicher, weniger Event-Charakter
  • Bahnhofsmission aktiv
  • faktisch einer der letzten halbwegs „atmenden“ Bahnhöfe

Berlin Ostbahnhof

  • weniger Kontrolle nachts
  • Nähe zu Hilfsangeboten

Berlin Hauptbahnhof
nur eingeschränkt

  • extrem überwacht
  • Duldung schwankt stark nach Sicherheitslage

Berlin ist Ausnahme, nicht Vorbild.


Hamburg 

Hamburg Hauptbahnhof (Randzonen)
  • Nähe zu Drob Inn, Kältebus, Bahnhofsmission
  • innen fast immer Räumung, außen / Übergänge, eher Duldung
Hamburg Altona
  • überschaubarer, weniger Hochglanz
  • punktuell geduldet

Köln Hbf / Dompassage
    • Bahnhofsmission stark
    • Security, aber situative Duldung bei Frost
    • stark tages- und personalabhängig

Frankfurt (Main)

  • Frankfurt Hbf – NICHT die Halle, sondern:

  • Seitenbereiche
  • Übergänge
  • Umfeld mit Streetwork
        Bahnhofsmission vorhanden, sehr hohe Verdrängung,
        aber bei extremer Kälte manchmal Durchlass.

Bremen

  • Bremen Hbf

  • vergleichsweise kleine Struktur
  • weniger privatisiert
  • noch eine der stilleren Ausnahmen im Norden

Oberhausen Hauptbahnhof (NRW) !!

  • Der Bahnhof wurde von der Deutschen Bahn zuletzt ausdrücklich so betrieben, dass bei extremer Kälte Obdachlose nicht weggeschickt werden sollen.

  • Die Sicherheitskräfte verzichten darauf, Menschen bei niedrigsten Temperaturen zu vertreiben, in Abstimmung mit sozialen Trägern.(WAZ)



Bahnhöfe, die praktisch nachts keinen stundenlangen Schutz mehr bieten (auch bei Kälte nicht)

🔴 München Hbf
🔴 Stuttgart Hbf
🔴 Düsseldorf Hbf
🔴 Hannover Hbf
🔴 Leipzig Hbf
🔴 Dresden Hbf
🔴 Nürnberg Hbf
🔴 Mannheim Hbf
🔴 Heidelberg Hbf und
🔴 viele weitere Bahnhöfe stehen nicht zur Verfügung.

Gemeinsame Merkmale:

  • konsequente Räumung
  • privatisierte Sicherheitslogistik
  • Null-Toleranz-Strategien
  • „Kältehilfe = woanders“ (siehe weiter unten)

Hier ist der Aufenthalt real gefährlich (Platzverweise, Anzeigen, Eskalation)!


Wichtige Verschiebung: Bahnhöfe verlieren ihre Funktion

Ein bitterer Befund:

Bahnhöfe sind nicht mehr der frei zugängliche, primäre Kälteschutz.

Stattdessen:

  • Nachtbusse
  • Kirchen (inoffiziell)
  • Container
  • U-Bahn-Zugänge (immer mehr überwacht)
  • Tiefgaragen
  • Treppenhäuser
  • Übergangsräume

Bahnhöfe sind heute Kontrollräume, keine Schutzräume mehr.

Betroffene müssen sich rechtzeitig über die Ersatzangebote / Übernachtungsmöglichkeiten informieren. 


Ehrliches Fazit

Wenn man es ganz realistisch betrachtet:

  • Berlin (2–3 Bahnhöfe)
  • Hamburg (1–2 Bereiche)
  • Köln (eingeschränkt)
  • Frankfurt (Teilbereiche)
  • Bremen (jeweils eingeschränkt)
  • Oberhausen Hauptbahnhof (NRW)
  • Kaiserslautern (bei Frost Aufenthaltstoleranz für Obdachlose,
    sehr begrenzter Platz).
    In Kaiserslautern gibt es ein Notprogramm,
    das bei Kälte tatsächlich greift – kombiniert aus:
    - 24/7 Notfallhotline ( 0631 – 34 31 78 78 / 24 h erreichbar)
    mit materieller Hilfe (Schlafsack, Kleidung) und 
    Kälte-Iglus auf der Pfarrwiese St. Martin für nächtlichen Schutz. 

Alles andere ist Risikozone, kein Zufluchtsort oder nachts verschlossen.


Deutsche Städte mit strukturierten Winter-/Kälte-Hilfsangeboten

Großstädte mit umfangreicher Kältehilfe (Notunterkünfte, Kälte-/Wärmebusse etc.)

Berlin

  • Winter-Kältehilfe mit über 1150 Notübernachtungsplätzen (Oktober–April). (mein-berlin.net)
  • Kälte- und Wärmebusse fahren durch die Stadt und bringen Menschen auf Wunsch zu Unterkünften. (mein-berlin.net)
  • Nacht-Cafés und zusätzliche spontane Angebote in Kältephasen. (Berliner Morgenpost)

Köln

  • Zusätzliche Kältegänge und Notunterkünfte im Winter sowie Informations-Hotlines. (Deutsche Welle)

Düsseldorf, Bielefeld, Dortmund (NRW)

  • In NRW werden Notunterkünfte in der kalten Jahreszeit rund um die Uhr geöffnet. (The Weather Channel)

Frankfurt am Main (Hessen)

  • Notunterkünfte, Kältebus und zahlreiche Tagesaufenthalte (u. a. Wärmestuben) angeboten. (DIE WELT)
  • Auch niedrigschwellige Treffpunkte wie der Franziskustreff bieten im Winter Wärme.(franziskustreff.de)


Weitere Städte mit etablierten Programmen und Hilfsstrukturen

München (Bayern)

  • Winter-Notunterkünfte öffnen je nach Wetterlage (traditionell schon länger Winterhilfe-Programme). (Spiegel)

Leipzig, Dresden, Chemnitz (Sachsen)

  • Notunterkünfte, Kältebus- bzw. Fahrdienste zu Unterkünften und Nachtcafés im Winter. (Die Sachsen)

Thüringer Städte (z. B. Jena, Erfurt, Weimar, Gera, Suhl, Mühlhausen)



Städte/Regionen mit systematischer Obdachlosen- oder Kältehilfe

Hessen (weitere Städte)

  • Wiesbaden: Ganzjährige „Winterregelung“ — Unterkünfte stehen wohnungslosen Menschen dauerhaft und bedingungslos offen. (DIE WELT)
  • Kassel, Gießen, Offenbach: erweiterte Notunterkünfte und Winter-Programme. (DIE WELT)

 Sachsen-Anhalt (z. B. Magdeburg, Halle, Dessau)

Mecklenburg-Vorpommern (Rostock, Schwerin, Stralsund, Neubrandenburg, Wismar)

  • Notunterkünfte, Begegnungsstätten, Tagesaufenthalte, Kältebusse und Straßensozialdienste. (DIE WELT)

Potsdam (Brandenburg)

  • Straßensozialarbeit in Kältezeiten, Decken/Isomatten/heiße Getränke, sowie Informations- und Unterstützungsnetzwerke. (themayor.eu)