Freitag, 7. August 2026

SUDAN: Warum Strukturen gegen den Hunger fehlen

Im Artikel "Das ist sehr hart" von Florian Harms wird die Lage im Südsudan bewertet, was ja für uns ein Dauerthema ist, weil sich so wenig verändert. Der Artikel schildert die dramatische humanitäre Lage im Südsudan, die sich durch Kürzungen internationaler Hilfsprogramme erheblich verschärft hat. Rund acht Millionen Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit, Zehntausende befinden sich bereits in der höchsten Hungernotstufe. Am Beispiel der aus dem Sudan geflohenen Mutter Sahida Muktar zeigt der Text die konkreten Folgen von Krieg, Vertreibung und fehlender Hilfe. Der Autor argumentiert, dass Hunger nicht nur durch bewaffnete Konflikte, sondern auch durch politische Entscheidungen in wohlhabenden Staaten entsteht, wenn Hilfsbudgets gekürzt werden. Gleichzeitig betont der Artikel, dass vergleichsweise geringe Investitionen – etwa Solarpumpen, Gemüsegärten und Bargeldhilfen – vielen Menschen ermöglichen könnten, in ihrer Heimat oder den Nachbarländern zu bleiben. Humanitäre Hilfe wird deshalb nicht nur als moralische Verpflichtung, sondern auch als kluge Investition zur Verringerung von Fluchtursachen dargestellt. Schauen wir uns einen Weg aus dem Teufelskreis an:


Der Weg aus der Hungerfalle: Selbstversorgung statt
Dauerabhängigkeit

Humanitäre Hilfe rettet Leben – sie ersetzt jedoch keine funktionierende Landwirtschaft. Langfristig kann weder der Sudan noch der Südsudan dauerhaft von internationalen Lebensmittelhilfen abhängig bleiben. Entscheidend ist deshalb der schrittweise Aufbau einer widerstandsfähigen Selbstversorgung.

Der Agrarökonom Joachim von Braun, ehemaliger Direktor des International Food Policy Research Institute (IFPRI), betont seit Jahren, dass Hunger vor allem dort entsteht, wo Konflikte, schwache Institutionen und mangelnde Investitionen zusammentreffen. Sein Leitsatz lautet sinngemäß: Nicht fehlende Nahrung ist meist das Problem, sondern fehlender Zugang zu ihr. Deshalb müsse Landwirtschaft zur wirtschaftlichen Entwicklung werden und nicht nur zur Überlebensstrategie.

Ähnlich argumentiert Agnes Kalibata. Sie fordert, Kleinbauern stärker mit Saatgut, Beratung, Krediten und regionalen Märkten zu unterstützen. Afrikanische Landwirtschaft müsse produktiver werden, ohne ihre natürlichen Ressourcen zu zerstören.

Ein realistischer Aufbauplan umfasst mehrere Säulen.

Erstens braucht es Frieden und Sicherheit. Ohne Schutz vor Gewalt investieren Bauern weder in Felder noch in Viehhaltung. Konflikte verhindern Aussaat, Ernte und Handel. Politische Stabilität bleibt deshalb die wichtigste Voraussetzung für Ernährungssicherheit.

Zweitens sollte der Schwerpunkt auf kleinbäuerlicher Landwirtschaft liegen. Der Sudan verfügt über fruchtbare Böden entlang des Nils sowie große Weideflächen. Verbesserte Saatgutsorten, Fruchtwechsel, Kompostwirtschaft und wassersparende Bewässerung könnten die Erträge deutlich steigern. Solarbetriebene Pumpen, wie sie im Artikel erwähnt werden, sind hierfür ein gutes Beispiel.

Drittens muss Wasser besser genutzt werden. Regenrückhaltebecken, kleine Staudämme, Tröpfchenbewässerung und lokale Bewässerungsgenossenschaften können Ernteausfälle während Dürreperioden erheblich reduzieren. Gleichzeitig sollten traditionelle Anbaupflanzen wie Sorghum, Hirse, Erdnüsse und Kuhbohnen stärker gefördert werden, da sie an das Klima besser angepasst sind als importierte Kulturen.

Viertens benötigen Bauern funktionierende Märkte. Schlechte Straßen, fehlende Lagerhäuser und mangelnde Kühlung führen dazu, dass große Teile der Ernte verderben. Investitionen in Infrastruktur erhöhen nicht nur die Ernährungssicherheit, sondern schaffen auch Einkommen.

Fünftens sollten Frauen gezielt gefördert werden. Nach Angaben von Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen leisten Frauen in vielen afrikanischen Ländern einen Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit. Erhalten sie denselben Zugang zu Land, Saatgut und Krediten wie Männer, können Erträge deutlich steigen.

Schließlich empfiehlt der Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs seit Langem, humanitäre Hilfe mit Entwicklungsinvestitionen zu verbinden. Lebensmittelhilfe sollte stets mit dem Aufbau lokaler Produktion, Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Bildung kombiniert werden. Nur so entsteht eine Entwicklung, die sich selbst trägt.

Der Sudan besitzt grundsätzlich gute Voraussetzungen: große landwirtschaftliche Flächen, Wasserressourcen und eine junge Bevölkerung. Wird internationale Soforthilfe mit Investitionen in Landwirtschaft, Infrastruktur, Bildung und Frieden verbunden, kann aus einer dauerhaften Hungerkrise schrittweise eine regionale Selbstversorgung entstehen. Der Übergang wird Jahre dauern. Doch nachhaltige Ernährungssicherheit entsteht nicht durch immer neue Hilfslieferungen allein, sondern durch die Fähigkeit der Menschen, ihre Familien aus eigener Kraft zu ernähren.

Ein nachhaltiger Wiederaufbau des Sudan (und parallel des Südsudan) ist grundsätzlich finanzierbar – allerdings nur, wenn Krieg, Korruption und politische Instabilität gleichzeitig angegangen werden. Der Finanzbedarf ist groß, liegt aber deutlich unter den volkswirtschaftlichen Kosten einer dauerhaft anhaltenden Hungerkatastrophe und Massenflucht.


____________________________


Ein realistischer 10-Jahres-Aufbauplan (2027–2036) könnte sich auf etwa 45–60 Milliarden US-Dollar belaufen.

BereichInvestition
Soforthilfe Ernährung, Medizin8 Mrd. USD
Landwirtschaft und Bewässerung15 Mrd. USD
Straßen, Brücken, Lagerhäuser12 Mrd. USD
Schulen, Gesundheitsversorgung8 Mrd. USD
Verwaltung, Digitalisierung, Korruptionsbekämpfung3 Mrd. USD
Mikrokredite und Genossenschaften4 Mrd. USD
Gesamtca. 50 Mrd. USD

Das entspricht durchschnittlich 5 Milliarden Dollar pro Jahr.

____________________________


Wer könnte dies finanzieren?

Ein tragfähiger Finanzierungsmix könnte folgendermaßen aussehen:

  • Sudanische Eigenmittel (Steuern, Öl, Gold, Landwirtschaft): 25 %
  • Weltbank und Afrikanische Entwicklungsbank: 25 %
  • Golfstaaten (Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar): 20 %
  • Europäische Union und einzelne europäische Staaten: 15 %
  • USA, Kanada, Japan, Südkorea: 10 %
  • Stiftungen und Privatwirtschaft: 5 %

Der wichtigste Hebel: Landwirtschaft

Der Sudan besitzt rund 170 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbare Flächen, von denen bislang nur ein Teil produktiv genutzt wird. Zudem verfügt das Land mit dem Nil über erhebliche Wasserressourcen. Experten sehen deshalb im Sudan eines der Länder Afrikas mit dem größten landwirtschaftlichen Potenzial.

Ein Investitionspaket von etwa 15 Milliarden Dollar könnte innerhalb von zehn Jahren unter anderem finanzieren:

  • mehrere tausend Solarbrunnen
  • kleine und mittlere Bewässerungsanlagen
  • regionale Saatgutbanken
  • mehrere hundert Getreidesilos
  • asphaltierte Zufahrtsstraßen
  • Veterinärzentren
  • Ausbildungszentren für Landwirte
  • Agrargenossenschaften
  • Traktoren- und Maschinenringe

Dadurch könnten Millionen Kleinbauern höhere Erträge erzielen und einen Teil der Lebensmittelimporte ersetzen.

Ein realistischer Finanzplan

Phase 1 (Jahre 1–2): Stabilisierung – 12 Mrd. USD

  • Ernährung sichern
  • Rückkehr von Vertriebenen
  • Minenräumung
  • Reparatur wichtiger Straßen
  • Saatgutprogramme

Phase 2 (Jahre 3–5): Wachstum – 20 Mrd. USD

  • Bewässerungssysteme
  • Solarpumpen
  • Lagerhäuser
  • ländliche Elektrifizierung
  • Schulen und Gesundheitsstationen

Phase 3 (Jahre 6–10): Exportwirtschaft – 18 Mrd. USD

  • Lebensmittelverarbeitung
  • Export von Erdnüssen, Sesam, Baumwolle und Vieh
  • Digitalisierung der Verwaltung
  • Industriezonen
  • Hochschulen und Berufsausbildung

Wann rechnet sich das?

Nach Berechnungen verschiedener Entwicklungsökonomen amortisieren sich Investitionen in Ernährungssicherheit häufig bereits nach wenigen Jahren durch höhere Produktivität, sinkende Importkosten und geringere Ausgaben für Nothilfe. Auch Joachim von Braun und Jeffrey Sachs betonen, dass Investitionen in Landwirtschaft zu den wirksamsten Instrumenten der Armutsbekämpfung gehören.

Der größte Risikofaktor ist jedoch nicht das Geld, sondern die politische Lage. Solange der Bürgerkrieg andauert, staatliche Institutionen geschwächt sind und Korruption Mittel abzweigt, werden selbst hohe Investitionen nur begrenzte Wirkung entfalten. Gelingt dagegen eine tragfähige Friedensordnung mit transparenter Verwaltung und lokaler Beteiligung, könnte der Sudan innerhalb eines Jahrzehnts den Übergang von einem Land mit chronischer Ernährungskrise zu einem regional bedeutenden Agrarproduzenten schaffen.