Dienstag, 30. Dezember 2025

B Schulische Misserfolge - Radikalisierung - Drogen - Straf- und Gewalttaten an deutschen Schulen (Teil B - mit Tabelle)

KI


Regelmäßige Meldungen
 zeigen, dass die Probleme, über die derzeit viel in Ludwigshafen berichtet wird, nicht ausschließlich dort auftreten, sondern auch an anderen Realschulen plus bzw. vergleichbaren Schulen ähnliche Dynamiken sichtbar werden. Dabei reichen die Beobachtungen von Gewalt- und Disziplinproblemen bis zu ernsthaften Alarmrufen von Lehrkräften:

Realschule Plus in Bad Kreuznach

  • Lehrkräfte dort haben ebenfalls Alarm geschlagen, weil es im Schulalltag wiederholt zu massiven Störungen, respektlosem und teilweise gefährlichem Verhalten von Schülern kommt.

  • In einem Schreiben an das Bildungsministerium wird betont, dass eine angstfreie Lernumgebung derzeit nicht gewährleistet sei und viele Lehrkräfte überfordert seien.

  • Unter anderem wird auf Probleme wie unzureichende Anwesenheiten, Störungen und Unterrichtsausfälle verwiesen, und es werden Forderungen nach kleineren Klassen und mehr Unterstützung laut. rockland.de


Ernst-Reuter-Realschule Plus (Nähe Ludwigshafen)

  • Lehrkräfte dort schildern Bedrohungen, Beleidigungen und Gewalt im Schulalltag, darunter auch rassistische, rechtsextreme oder antisemitische Äußerungen, die zu Konflikten und Eskalationen führen sollen.

  • In dem Bericht wird erwähnt, dass auch Eltern gegenüber Lehrkräften zunehmend aggressiv auftreten und die Autorität der Schule untergraben wird. 17:30 Live Rheinland Pfalz/Hessen


Übergreifender Trend – Gewalt und Disziplinprobleme an Schulen

Auch jenseits einzelner Realschulen plus zeigen Studien und Umfragen, dass:

  • fast jede zweite Lehrkraft angibt, Gewalt oder Gewaltandrohungen an ihrer Schule zu beobachten – und dieses Phänomen besonders an sozial herausfordernden Standorten vorkommt.

  • Haupt-, Real- und Gesamtschulen überdurchschnittlich oft von solchen Konflikten betroffen sind. Robert Bosch Stiftung

Andere Schulformen

Nicht immer ist die Schulform Realschule plus betroffen, es gibt auch Berichte von Lehrkräften oder Eltern in anderen Schularten.  Im Vordergrund stehen schwierige Zustände im Schulbetrieb. Solche Fälle tauchen überall in Deutschland auf. euronews

Was bedeutet das?

Die aktuellen Fälle deuten auf ein verbreitetes Muster hin, bei dem Lehrkräfte an bestimmten Schulen:

  • über steigende Gewaltbereitschaft und Aggressivität berichten,

  • sich überfordert und nicht ausreichend unterstützt fühlen,

  • und zunehmend Alarm schlagen – z. B. über Hilfeschreiben oder öffentliche Briefe.

Diese Entwicklungen stehen in Zusammenhang mit breiteren gesellschaftlichen und schulischen Herausforderungen, etwa heterogene Klassen, Personalmangel, fehlende Ressourcen für Förderung und Prävention, und den Alltagserfahrungen vieler Lehrkräfte über Gewalt und DisziplinproblemeRobert Bosch Stiftung


Überblick über die Entwicklungen in anderen Bundesländern (Saarland, Berlin, Hessen, Baden-Württemberg, NRW)
 

Saarland – dokumentierte Gewaltvorfälle an Schulen

Zwischen 2014 und 2023 stieg die Zahl der Gewaltdelikte an Schulen von 244 auf 957 Fälle – also fast vervierfacht.
Auch Einsätze von Schuss- oder Stichwaffen im Schulumfeld wurden häufiger (von 7 auf 29 Fälle).
Diese Zahlen beziehen sich auf polizeiliche Erfassungen und zeigen, dass Gewalt auch im Saarland kein seltenes Phänomen ist. (Polizeiliche Kriminalstatistik / Saar-Landtag)

Das sind keine Einzelfallberichte einzelner Schulen, sondern statistische, offizielle Erhebungen, die verdeutlichen, dass Gewalt im Umfeld von Schulen im Saarland messbar gestiegen ist. Darüber hinaus lassen sich in ganz Deutschland „Hochburgen“ oder besonders betroffene Regionen erkennen, wo an Schulen überdurchschnittlich viele Gewaltdelikte oder Konflikte registriert werden. Das bedeutet nicht, dass dort an jeder Schule Gewalt herrscht – aber die Statistik und Polizeizahlen zeigen dort häufiger Vorfälle als andernorts. 

Berlin – mehrere Stadtbezirke mit vielen Fällen


Laut Berliner Polizei gab es an Schulen im Jahr 2024 insgesamt über 6.700 registrierte Straftaten im Schulkontext, darunter viele Körperverletzungen, Diebstähle und Sachbeschädigungen.
Besonders betroffen waren die Bezirke:
  • Neukölln
  • Marzahn-Hellersdorf
  • Mitte
Diese Bezirke liegen deutlich über dem Berliner Durchschnitt, während Bezirke wie Steglitz-Zehlendorf oder Treptow-Köpenick weniger Fälle aufwiesen.

Städtevergleich


Stadt/BundeslandKonkrete Fälle / HinweiseArt der Vorfälle
Hamburg219 Gewaltfälle, Waffenandrohung durch SchülerKörperverletzung, Raub, Übergriffe
Berlin283 Fälle aggressiver Vorfälle gegen Lehrkräfte, Mobbing-SkandalBeleidigung, Drohungen, Diskriminierung
München/Bayern1.674 registrierte Gewaltdelikte an Schulen (2022)Leichte Körperverletzung, physische Übergriffe

Nordrhein-Westfalen – extrem viele Straftaten an Schulen

NRW ist insgesamt ein „Hotspot“ in Deutschland: Im Jahr 2024 wurden dort fast 25.000 Straftaten im schulischen Umfeld registriert, die Polizei rückte allein bis September 2025 schon 242-mal wegen Gewalt an Schulen aus. (VBE-NRW, PHV-NRW, Schulumfragen)
NRW hat oft die höchsten absoluten Fallzahlen bundesweit – allein deshalb, weil es das bevölkerungsreichste Bundesland ist. Aber auch im Verhältnis zu anderen Bundesländern ist der Anteil der Gewaltfälle sehr hoch.

Bayern – erstaunlich viele Gewaltdelikte an Schulen 

Die Polizeistatistik zeigt für das Schuljahr 2023/24:

rund 3.000 Gewaltdelikte an Schulen registriert.

Das ist ein signifikanter Anstieg gegenüber den Vorjahren und deutlich über vielen anderen Bundesländern. Auch in Großstädten wie München gibt es ernstzunehmende Vorfälle – wenngleich sie seltener medienwirksam sind als z. B. in Berlin oder NRW.

Hessen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Brandenburg – ebenfalls überdurchschnittlich

Laut bundesweiter Kriminalstatistik zeigen diese Bundesländer ebenfalls deutliche Anstiege bei Gewaltfällen an Schulen:

  • Hessen: mehr als 2.000 Gewaltdelikte
  • Baden-Württemberg: fast 3.000 Fälle
  • Brandenburg: spürbarer Zuwachs
  • Niedersachsen: ebenfalls sehr hohe Fallzahlen

Hinweis: Diese Zahlen beziehen sich auf offizielle polizeiliche Erfassungen, die unterschiedliche Delikte zusammenfassen (von Beleidigungen bis zu Körperverletzungen). Sie zeigen jedoch klare regionale Schwerpunkte.

Bundesweite und gewerkschaftliche Reaktionen

Unabhängig von einzelnen Ländern bringen Lehrer- und Bildungsgewerkschaften sowie Studien ein Gesamtbild des Problems auf die politische Agenda:

  • GEW und VBE fordern häufig mehr Personal, psychosoziale Unterstützung, kleinere Klassen und bessere Ressourcen für Prävention statt punktuelle Einzelmaßnahmen. GEW - Die Bildungsgewerkschaft

  • Nationale Befragungen zeigen, dass im ganzen Land nahezu jede zweite Lehrkraft Gewaltprobleme an ihrer Schule beobachtet, besonders an Realschulen und vergleichbaren Schulformen. Deutsches Schulportal


Was zeigt das Gesamtbild?

In allen betrachteten Bundesländern wird das Thema Gewalt und schwieriges Verhalten im Schulalltag ernst genommen — meist mit unterschiedlichen politischen Schwerpunkten:

  • im Saarland mit parlamentarischen Entschließungen,
  • in Hessen mit Leitfäden und Fallzahlen,
  • in Baden-Württemberg mit gewerkschaftlicher Kritik an politischen Vorschlägen,
  • in NRW mit konkreten Orientierungshilfen für Lehrkräfte.

Bundesweit fordern Verbände und Gewerkschaften vor allem mehr strukturelle Unterstützung, zusätzliche Fachkräfte im sozialen Bereich, Präventionsprogramme und Entlastung für Lehrkräfte, statt punktuelle Maßnahmen oder Einzelleitfäden.


Tabelle: Straftaten vs. Gewalttaten an Schulen in Deutschland (2024)

KategorieAnzahl 2024 (bundesweit)Anmerkung / Quelle
Straftaten an Schulen insgesamt94.318Erfasste Straftaten mit der „Tatörtlichkeit Schule“ – inkl. Diebstahl, Vandalismus, Bedrohung, Gewaltkriminalität etc. Deutscher Bundestag
Davon Gewalttaten an Schulen7.243 (schwerere Gewaltkriminalität)Teilmenge der Straftaten, umfasst Körperverletzung u.ä. Deutscher Bundestag
Schätzungen inkl. leichter Körperverletzungen35.570 GewaltdelikteZählt auch einfache Körperverletzung, Spucken, Schläge, Tritte etc. – ca. 97 pro Tag Focus
Messerangriffe an Schulen743Messerstraftaten an Schulen im Berichtsjahr Focus

Hinweis zur Methodik: Die offiziellen Zahlen unterscheiden sich je nach Definition:
• „Straftaten insgesamt“ umfasst alle Delikte (Diebstahl, Sachbeschädigung, Bedrohung, Gewalt).
• „Gewalttaten“ hier als Teilmenge schwererer Gewaltkriminalität.
• Weitere Schätzungen der tatsächlichen Gewalt (inkl. einfacher Körperverletzung) liegen deutlich höher. Deutscher Bundestag+1


Wer sind die Täter?
  • Täter sind überwiegend Schüler oder schulbezogene Jugendliche.

  • Daten zeigen, dass ein Teil der Tatverdächtigen logischerweise auch nicht-deutsche Staatsangehörige sind (ca. 40 % der genannten Personen in einer statistischen Auswertung), wobei diese Zahl durch unterschiedliche Klassifizierungsregeln verzerrt sein kann (z. B. bei Doppelstaatlern). Education System News

  • Es gibt nur wenig Zahlen, aber Tendenzen, welche Nationalitäten wo auffallen, und das waren Syrier und Afghanen an der Spitze der Gruppen mit ausländischen Pässen.

Die Betroffenen
  • Schüler sind am häufigsten betroffen – körperlich, verbal und psychisch.

  • Lehrkräfte und Schulpersonal erleben zunehmend direkte Aggressionen (Beleidigungen, Bedrohungen, Sachbeschädigung, Körperkontakt). Reddit

  • Nicht unmittelbar am Unterricht Beteiligte (z. B. Eltern, Passanten) erscheinen seltener, aber in einzelnen Fällen (Drohungen, Störungen) ebenfalls als Beteiligte. DIE WELT

Verletzungszahlen

  • Genau differenzierte Bundeszahlen zu Verletzungen (z. B. schwere Verletzungen vs. leichte Verletzungen) werden von der Bundespolizei bzw. Innenministerium nicht regelmäßig separat veröffentlicht.

  • Schätzungen zeigen aber, dass ein Großteil der physisch erfassten Gewalt einfache Körperverletzung oder leichte Verletzungen sind.

Sonntag, 28. Dezember 2025

A Schulische Misserfolge - Radikalisierung - Drogen - Straf- und Gewalttaten an deutschen Schulen (Teil A - Beispiel Ludwigshafen a.Rh.)

Schulen seit Jahren nicht mehr wiederzuerkennen

Stefan Vieregg KI

Die angespannte Lage bei den Realschulen plus in Ludwigshafen, insbesondere an der Karolina-Burger-Realschule plus, hat in den letzten Wochen und Monaten für erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit und Debatten gesorgt. Die Gründe sind vielschichtig und betreffen sowohl Schulalltag und Sicherheit als auch strukturelle Herausforderungen des Schulsystems.

Gewalt, Sicherheitsprobleme und dramatische Zustände

  • Lehrkräfte an der Karolina-Burger-Realschule plus berichten von massiven Gewaltvorfällen, Bedrohungen und Übergriffen im Schulalltag. In einem Brandbrief schilderte das Kollegium Zustände „voller Gewalt, Angst und Überforderung“, bei denen alltäglicher Unterricht kaum noch möglich sei – z. B. Beleidigungen, körperliche Angriffe und ritualisierte Eskalationen im Schulbetrieb. News4teachers

  • Auch konkrete Vorfälle wie Messerbedrohungen gegen Lehrkräfte, Amokalarm-Situationen und zahlreiche Polizeieinsätze haben die Lage weiter zugespitzt. Focus

  • Diese Probleme führten dazu, dass der rheinland-pfälzische Bildungsminister öffentlich bestätigte, die Situation sei „nicht kurzfristig zu lösen“ und verwies auf jahrelang aufgelaufene Herausforderungen. DIE WELT

Strukturelle Herausforderungen des Schultyps

  • Realschulen plus sind in Rheinland-Pfalz ein Schultyp, der Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichen Leistungs- und Unterstützungsbedarfen gemeinsam unterrichtet. Diese hohe Heterogenität, von leistungsstarken bis hin zu stark förderbedürftigen Jugendlichen mit erheblichen Sprach- oder Sozialdefiziten, macht den pädagogischen Alltag besonders anspruchsvoll. cdu-lu.de

  • Kritiker – darunter lokale Politiker und Lehrkräfte – sehen in dieser Durchmischung und dem Mangel an ausreichender individueller Förderung eine Überforderung der Lehrkräfte, insbesondere ohne ausreichende personelle, bauliche oder pädagogische Unterstützung. cdu-lu.de

Reaktionen aus Politik und Öffentlichkeit

  • Die CDU-Landtagsabgeordnete Marion Schneid bezeichnete die Zustände als „erschütternd“ und fordert mehr Schutz, Ressourcen und klare Maßnahmen, damit Schulen kein „rechtsfreier Raum“ sind und Lehrkräfte sicher arbeiten können. cdu-lu.de

  • Landespolitisch wurde der Fall auch im Bildungsausschuss diskutiert, und das Ministerium kündigte Unterstützungs- und Präventionsmaßnahmen an. DIE WELT

Hintergrund: Demografische und soziale Faktoren

  • Bereits in früheren Schulentwicklungsplanungen wurde festgestellt, dass die Realschulen plus in Ludwigshafen wachsen und teilweise an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Ludwigshafen

  • In Teilen der Stadt ist zudem der soziale Förderbedarf höher als der Durchschnitt – inklusive hoher Anteile von Schülern mit Migrationshintergrund und zusätzlichen sprachlichen Herausforderungen – was ebenfalls einen Einfluss auf Unterrichts- und Schulklima haben kann. Dokumentenserver Rheinland-Pfalz

Gewalt und Straftaten an Schulen treten selten isoliert auf. Sie sind häufig Teil eines komplexen Problembündels, das schulische Misserfolge, riskantes Konsumverhalten (Drogen mit hohem Suchtpotenzial),  Schwarzarbeit/illegale Parallelwirtschaft (sog. informelle Ökonomien) und ideologische Radikalisierung miteinander verbindet. Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig und beschleunigen Eskalationsprozesse. Die angespannte Situation in Ludwigshafen ist kein Einzelfall in Rheinland-Pfalz und schon gar kein Einzelfall in Deutschland. In dieser Reihe soll auf viele verschiedene Aspekte eingegangen werden, die Lage insgesamt und mit regionaler Ausprägung detailliert betrachtet und erörtert werden. Es gibt Auswege, obwohl sie sehr aufwändig sind und viel Engagement verlangen. Aber es ist jedem klar, dass die Menschen, die in prekären und inoffiziellen Lebens- und Arbeitsräumen sich bewegen und leben, auch die Probleme in den Schulen hervorrufen. 


Schulschwierigkeiten als struktureller Ausgangspunkt

Typische schulische Problemlagen:

  • Leistungsdefizite,
  • häufige Fehlzeiten,
  • Schulverweigerung,
  • Konflikte mit Lehrkräften,
  • frühe Stigmatisierung als „Problemfall“.

Schulisches Scheitern erzeugt:

  • Entwertungserfahrungen (empfundene und steigende Wertlosigkeit),
  • Verlust von Anerkennung,
  • Abkopplung von institutionellen Erwartungen.

Die Schule verliert damit ihre Funktion als Orientierungs- und Zukunftsraum.

Übergang in Gewalt und Straftaten

Wenn schulische Anerkennung ausbleibt, suchen Jugendliche häufig alternative Formen von Status, Macht und Zugehörigkeit. Gewalt wird dabei:

  • Mittel zur Selbstbehauptung,
  • Ausdruck von Frustration,
  • Ersatz für fehlende Wirksamkeitserfahrungen.

Straftaten im Schulkontext sind daher oft Folge, nicht Ursache schulischer Probleme.


Drogenkonsum und -verkauf als Eskalationsverstärker

Konsum

  • Cannabis, Alkohol und zunehmend synthetische Substanzen,
  • Konsum als Bewältigungsstrategie gegen Stress, Ohnmacht und Leere,
  • sinkende Hemmschwellen für Aggression.


Handel
  • Einstieg in inoffizielle Ökonomien,
  • Statusgewinn durch Geld, Angst und Kontrolle,
  • Konflikte um Reviere, Schulgelände und Schulwege.

Schulen werden dabei

  • Kontaktzonen, weniger Handelszentren.
  • Orte der Rekrutierung und Sichtbarkeit.

Drogenmilieus erhöhen

  • Gewaltbereitschaft,
  • Einschüchterung,
  • Straftatdichte im Umfeld der Schule,
  • familiäre und gesellschaftliche Probleme.


Rechtsradikale und extremistische Einflüsse

Anschlussfähigkeit

Rechtsradikale Ideologien wirken besonders dort, wo

  • biografische Brüche bestehen,
  • soziale Anerkennung fehlt,
  • einfache Schuldzuweisungen attraktiv werden.

Sie bieten

  • klar bezeichnete Feindbilder (Wahrheitsgehalt ist sekundär),
  • scheinbare Stärke (wir sind viele und helfen),
  • Zugehörigkeit und Ordnung.

Erscheinungsformen im Schulkontext

  • Rechtsextreme Sprache und Symbole,
  • Gewalt gegen Minderheiten,
  • Provokationen und Grenztests,
  • Vernetzung über soziale Medien.

Rechtsradikale Narrative legitimieren Gewalt und verschärfen bestehende Konflikte.


Das integrierte Eskalationsmodell

Schulische Misserfolge → Entwertung → Rückzug / Aggression → Drogenkonsum → Straftaten → ideologische Radikalisierung

Nicht jeder Weg verläuft vollständig, aber

  • je mehr Faktoren zusammenkommen,
  • desto höher ist das Eskalationsrisiko,
  • desto geringer die Rückkehrwahrscheinlichkeit ohne Intervention.


Besondere Risiken für Schulen

Schulen geraten in eine Mehrfachüberforderung, weil sie gleichzeitig:

  • Bildungsinstitution,
  • Sozialraum,
  • Präventionsinstanz,
  • Kriseninterventionsstelle,

sein sollen – allerdings ohne ausreichende Ressourcen (Räume, Fachleute, Finanzierung).


Konsequenzen für Prävention und Intervention

Früher ansetzen

  • Schulschwierigkeiten ernst nehmen, nicht sanktionieren,
  • Lern- und Beziehungsabbrüche vermeiden,
  • Übergänge absichern.

Milieus mitdenken

  • Enge Kooperation mit Jugendhilfe, Suchtberatung, Streetwork,
  • Präsenz im Sozialraum, nicht nur im Klassenzimmer,
  • klare Grenzziehung bei Drogenhandel und extremistischer Propaganda.

Ideologische Prävention

  • Politische Bildung mit Lebensweltbezug,
  • Stärkung demokratischer Selbstwirksamkeit,
  • Schutzräume für betroffene Schüler:innen.

Gewalt und Straftaten an Schulen entstehen dort, wo Schule scheitert, soziale Bindungen fehlen, inoffizielle Ökonomien locken und ideologische Angebote einfache Antworten liefern.


Siehe auch Informationen zur ganzen Reihe bei WIKIPEDIA


Dienstag, 23. Dezember 2025

Ein System am Rand des Kontrollverlusts: Berufsbetreuer warten auf ihr Honorar --- FROHE WEIHNACHTEN! (Neu: Rechtsübertretung seitens der Rechtspflegerschaft)


Warum Berufsbetreuer in Deutschland gerade reihenweise ausbrennen – und was das über unseren Staat verrät

Es ist ein stiller Kollaps. Kein Skandal, keine Schlagzeilen, keine Talkshow. Und doch bricht ein Berufsstand teilweise / punktuell zusammen, der zu den letzten funktionierenden Schutzmechanismen unserer Gesellschaft gehört: die Berufsbetreuung. Während Politik und Öffentlichkeit wegschauen, geraten Betreuerinnen und Betreuer in eine existenzielle Krise, die längst strukturelle Züge angenommen hat.

Die Symptome sind sehr oft, aber nicht überall sichtbar: monatelang ausbleibende Zahlungen, eingefrorene Vergütungen, weil das Arbeitspensum Verzögerungen bei den Berufsbetreuern generiert, die ihre hehre Aufgabe anspruchsvoll und menschengerecht erledigen möchten, weil es sehr viele überlastete Gerichte gibt und fehlende Nachwuchskräfte.  

Wer heute als Berufsbetreuer arbeitet, braucht nicht nur Fachwissen und Empathie, sondern auch die Leidensfähigkeit bzw. Ausdauer eines Marathonläufers und die Liquiditätsreserven eines mittelständischen Unternehmens, um es etwas übertrieben auszudrücken. Viele haben beides nicht mehr. Viele Berufsbetreuer haben also nach einer weiteren Zementierung zu niedriger Fallpauschalen auch noch ein Auszahlungsproblem aus besagten Gründen, das ist Fakt.  

Die Krise: Wenn der Staat selbst zum Risiko wird

Die Berufsbetreuung ist ein staatlich reguliertes System. Doch ausgerechnet der Staat ist inzwischen der größte Unsicherheitsfaktor.

1. Auszahlungschaos in den Amtsgerichten

In vielen Regionen warten Betreuer Wochen, Monate oder sogar über ein Jahr auf ihre Vergütung. Nicht, weil sie Fehler gemacht hätten. Sondern weil die Gerichte personell am Limit arbeiten.
Ein Dauervergütungsbeschluss bedeutet heute: „Irgendwann wird gezahlt.“ Wann? Niemand weiß es. Der Fernsehbericht (Link weiter unten) nennt hier ein Gericht, das durch Strukturprobleme wie Überlastung auffällt, das soll jetzt nicht als schlimmstes Beispiel in Deutschland genannt werden, sondern als ein deutlicher Problemfall unter vielen aufgegriffen werden, weil es einmal öffentlich-rechtlich betrachtet wird. Der Verband der Berufsbetreuer weist auf die Mängel hin. Um über die verschiedenen Intensitäten der Störung in Deutschland berichten zu wollen, müssten noch genaue Untersuchungen gestartet werden. Nächster Punkt:

2. Vergütung seit Jahren eingefroren

Während die Inflation zweistellig war, blieb die Vergütung stehen. Die nächste Reform kommt frühestens 2026, eher später. (Es wurde ja gerade "korrigiert", die Unterschiede in der ausbildungsabhängigen Qualität der Arbeit wurden etwas nivelliert. Natürlich bleibt die Forderung nach einer fachspezifischen Aus- bzw. Fortbildung weiterhin bestehen.) Also arbeiten viele Betreuer erst einmal weiter unterhalb der Wirtschaftlichkeitsgrenze. Das Zeitaufkommen bei einer halbwegs fallgerechten sozialen Zuwendung ist höher als das kalkulatorische Wochensoll es vorgibt. 

3. Rechtsunsicherheit als Dauerzustand

Ob Verzugszinsen fällig werden, ob Schadensersatz möglich ist, ob Gerichte überhaupt verpflichtet sind, fristgerecht zu zahlen – all das ist juristisch umstritten.
Ein System, das Menschenrechte der Staatsbürger schützen soll, scheitert an seinen eigenen Regeln.

4. Nachwuchsmangel und Überlastung

Wer will unter diesen Bedingungen noch anfangen? Es gibt weiterhin etliche Interessenten, auch junge, die sich ein freiberufliches Dasein mit voller Technikunterstützung inklusiver papierloser Kommunikation aufbauen wollen. Viele Gerichte sind noch nicht so weit, stellen noch auf elektronisch um, oder konnten noch gar nicht damit beginnen. Sollte es funktionieren, kann man effizienter arbeiten.

Die Folge bislang: Die Betreuerzahl geht zurück, die verbleibenden übernehmen immer mehr Fälle, immer komplexere Lebenslagen, ohne das voll bewältigen zu können, oder sie lassen mit der Zeit wegen Dauerstress nach. Die erwähnten sozialpädagogischen Anteile schwinden ziemlich sicher zugunsten einer Bürokratisierung. Das System frisst seine eigenen Ressourcen. Reine Aktenbelege- und Einkommensfeststellung mit schnellen Entscheidungen, die der Zeitersparnis geschuldet sind, können nicht im Sinn der Sache sein. 

Die Ursachen: Ein System, das weniger für die Realität gebaut wurde

Die Berufsbetreuung ist ein Paradebeispiel dafür, wie man ein soziales System konstruiert, ohne es jemals an die Wirklichkeit anzupassen. Da sind die tatsächlich benötigten Bearbeitungszeiten, die starke Bürokratisierung und Erledigung von behördenabhängigen Genehmigungswegen, die Pflege der Büroinfrastruktur und der technischen Speicherkapazitäten (Datenbänke), die Wartung der Technik. Andererseits die Wege zum Betreuten, die Gespräche und das Einholen von Einverständnis, Erklären von Maßnahmen und Konsequenzen, Schaffung neuer Wege, die Pflichtfortbildung in Präsenz- oder Onlinesitzungen, Krankenhaus- und Heimbesuche, aufwändiges Berichtswesen mit Belegen u.v.m.

Die Kluft zwischen Erwartungen und Berufsalltag ist sehr groß, sie schwindet mit hoher Effizienz aufgrund elektronischer Systeme. Allerdings bleibt immer das zeitintensive Einsammeln von persönlichen Dokumenten der Betreuten oder Neuanfordern aufgrund Verlust bestehen.

Starke Kritiker des bisherigen Systems machen sich über Stundensätze von 50 % des Mindestlohns lustig. Die Monatsarbeitszeit wird bei Betreuern, die sich stärker und in vielen Fällen engagieren, deutlich und stark überschritten. Wer im Schnelllauf arbeitet und entscheidet schafft dann noch etwas Freizeit, falls Familie vorhanden ist! Aber man darf sich nichts vormachen: Je engagierter desto mehr Freizeitverlust. 
Urlaub nur kurz und bitte 24/7 erreichbar. Die ausgesprochene Urlaubsvertretung mit Zurücktreten in das Freizeitoff muss in einigen Fällen (längere Urlaube, z.B. Jahresurlaub am Stück mit Trekkingtour in Kanada) eingesetzt und bezahlt werden, der Urlauber erhält kein Honorar (also Urlaubskosten plus Ausfall).

Die finanzielle Seite war früher einmal üppiger ausgestaltet, sie lockte auch Interessenten mit Jurastudium an, blieb aber dann auf einem alten Stand hängen. Es gibt keine Sozialversicherungsideen, nicht einmal die Auszahlung ist geregelt. 

A) Keine Fristen, keine Sanktionen, keine Verbindlichkeit?

Es gibt keine gesetzliche Auszahlungsfrist. Aber eine gesetzliche Mitwirkungs- und Berichtspflicht. Der Betreuer haftet in beträchtlichem Maß bei Fehlern. Eine Berufs- und Vermögenshaftplicht sind obligatorisch. 
Das bedeutet: Die Justizkasse kann zahlen, wann sie will. Der Betreuer muss liefern, wann es gewünscht ist.
Und wenn sie nicht zahlt?
Dann passiert – nichts.

Und wenn der Betreuer nicht liefert, dann entlädt sich der Zorn des Gerichts über die Rechtspflegerschaft, die in einigen Fällen nicht von einer massiven Schädigung durch Fallwegnahme und Kürzung des Gesamthonorars absehen, was allerdings nicht erlaubt ist. 

Wenn die Rechtspflegerschaft zu weit geht

Wenn Rechtspfleger:innen oder Gerichtsbedienstete aktiv Betreute aufsuchen, Stimmung gegen den Betreuer machen, auf einen Betreuerwechsel drängen, gezielt wirtschaftlichen Schaden zufügen, Forderungen nicht bearbeiten oder bewusst liegen lassen, und dadurch die Existenz gefährden, dann sind mehrere Rechtsgüter berührt:

• Neutralitätspflicht,
• Amtspflicht zur Unparteilichkeit,
• Verbot der Einflussnahme auf freie Betreuerauswahl (BGB),
• Grundsatz des fairen Verfahrens,
• Schutz des Betreuten vor institutionellem Druck.

Für den Betreuer kann das auf zwei Wege relevant sein: 

→ Schadensersatz nach Amtshaftungsrecht (§ 839 BGB i. V. m. Art. 34 GG),wenn durch rechtswidriges Verhalten realer Vermögensschaden entsteht.

→ Dienstaufsichtsbeschwerde / Fachaufsichtsbeschwerde, wenn es um Fehlverhalten oder Verstoß gegen Amtspflichten geht.

→ Rechtsmittel im Betreuungsverfahren (Beschwerde gem. FamFG), wenn Entscheidungsdruck oder manipulative Einflussnahmen erkennbar sind.

So etwas dürfte gerade im Justizbereich überhaupt nicht vorhanden sein. Justiz kennt Gerechtigkeit, muss Ungerechtigkeit vermeiden. Man spürt da den Dunst vergangener autoritärer Zeiten. 

B) Überlastete Justiz ohne Digitalisierung

Viele Gerichte arbeiten noch mit Papierakten, Faxgeräten und manuellen Prozessen. Das ist nicht verkehrt, aber die Suchzeiten im Archiv sind höher, der Aufwand ebenso. Die kommende Digitalisierung muss erst einmal funktionieren, dann kann man von Arbeitserleichterung sprechen, das Einscannen von Dokumenten seitens der Gerichte und Betreuer schafft schnelle Wege und Speicherung in Datenbänken.

Aber auch hier gilt: Wenn ein/e Sachbearbeiter/in krank wird, bricht der gesamte Ablauf zusammen, vorher wie nachher, kann nicht ein anderer die Arbeit übernehmen.

C) Politische Unterfinanzierung

Die Betreuung wird als Kostenfaktor gesehen, nicht als Schutzauftrag.
Das Ergebnis: ein System, das nur noch durch Idealismus zusammengehalten wird. Die Stundensätze sind in der Realität völlig anders als auf der Abrechnung zu sehen - weil der Aufwand unrealistisch erfasst wurde.

D) Pauschalvergütung ohne Dynamik

Die Pauschalen sind starr, unflexibel und real sinkend.
Komplexere Fälle? Das spielt keine Rolle.
Steigende Kosten? Egal.
Inflation? Wird ignoriert.

Die Analyse: Ein struktureller Kollaps, kein vorübergehendes Problem

Wer glaubt, die Krise sei temporär, irrt. 
Die Probleme sind systemisch:

  • Die Justiz ist chronisch unterbesetzt.
  • Die Vergütung ist real entwertet.
  • Die Rechtslage ist unklar.
  • Die Prozesse sind veraltet.
  • Die Politik reagiert zu spät.

Das System ist nicht krank – es ist fehlkonstruiert, das sagen die meisten Fachleute.

Die Auswege: Was jetzt passieren müsste

Es gibt Lösungen. Sie sind nicht kompliziert. Aber sie erfordern politischen Willen.

1. Gesetzliche Auszahlungsfrist von 30 Tagen

Mit automatischen Verzugszinsen. Ohne Diskussion, ohne Interpretationsspielraum.

2. Digitalisierung der Vergütungsprozesse

Ein bundesweites Online-Portal:

  • Antrag hochladen
  • Fälligkeit automatisch berechnen
  • Auszahlung automatisch anstoßen
  • Status jederzeit einsehbar

Andere Länder können das. Deutschland könnte es auch – wenn es wollte.

3. Dynamische Vergütung

Jährliche Anpassung an die Inflation. Zuschläge für komplexe Fälle. Keine Pauschalen, die real jedes Jahr weniger wert sind.

4. Liquiditätsschutz für Betreuerbüros

Ein staatlicher Überbrückungsfonds, der einspringt, wenn Gerichte nicht zahlen.
Betreuer dürfen nicht länger unfreiwillige Kreditgeber des Staates sein.

5. Politische Neubewertung der Betreuung

Betreuung ist keine Kostenstelle. Sie ist ein Menschenrechtsschutzsystem.
Und sie verdient dieselbe Priorität wie Pflege, Bildung oder Justiz.

Fazit: Die Krise ist real – und sie ist menschengemacht

Die Berufsbetreuung steht am Rand des Zusammenbruchs. Nicht, weil Betreuer versagen. Sondern weil ein Staat, der sich gern als sozial versteht, seine eigenen Schutzmechanismen vernachlässigt.

Die Frage ist nicht nur, wie das System reformiert werden muss.
Die Frage ist, wie viele Betreuer vorher aufgeben (müssen).


https://www.hessenschau.de/tv-sendung/rechtliche-betreuer-in-not--langes-warten-auf-das-geld,video-216730.html



Montag, 22. Dezember 2025

Für ein Mehrbeschäftigungsmodell mit Wahlfreiheit im Rentenübergang statt Ausweitung der Arbeitsmenge


Deutschland steht an einem arbeits- und sozialpolitischen Wendepunkt. Der demografische Wandel, der anhaltende Fachkräftemangel und der steigende Wettbewerbsdruck treffen auf eine Arbeitsgesellschaft, die über Jahrzehnte auf Stabilität, Verlässlichkeit und planbare Lebensläufe gebaut war. Die nun vom Wirtschaftsministerium vorgeschlagenen Reformen reagieren auf diese Lage mit einer scheinbar einfachen Antwort: längere Arbeitszeiten, spätere Renteneintritte, flexiblere Kündigungsmöglichkeiten.
Dahinter steht die Annahme, dass wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit vor allem über eine Ausweitung der Arbeitsmenge, Ausbeutung der Gesundheit, Gehorsam oder schneller Arbeitsplatzverlust zu erreichen sei. 

Diese Logik greift jedoch zu kurz. Sie behandelt Arbeit primär als quantifizierbare Größe und verkennt, dass Arbeitskraft keine unbegrenzte Ressource ist. Wer in einer alternden Gesellschaft allein auf Mehrarbeit setzt, riskiert nicht nur gesundheitliche Überlastung und steigende Ausfallzeiten, sondern auch eine schleichende Erosion sozialer Akzeptanz. Bereits heute verlassen viele qualifizierte Beschäftigte den Arbeitsmarkt nicht aus mangelnder Motivation, sondern weil Arbeitsbedingungen, Taktung und fehlende Übergangsmodelle ein längeres Verbleiben faktisch unmöglich machen.

Vor diesem Hintergrund schlägt dieses Memorandum einen Perspektivwechsel vor: weg von der Maximierung individueller Arbeitszeit, hin zu einem Mehrbeschäftigungsmodell, das die Erwerbsbeteiligung über den gesamten Lebensverlauf verbreitert und stabilisiert. Ziel ist nicht, Menschen länger arbeiten zu lassen, sondern ihnen zu ermöglichen, länger arbeitsfähig zu bleiben.

Kern dieses Ansatzes ist ein gestaffelter, freiwilliger Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. An die Stelle eines abrupten Ausscheidens tritt ein gleitendes Modell, das Teilzeit, Teilrente und Weiterbeschäftigung sinnvoll miteinander verbindet. Beschäftigte sollen früher als bisher die Möglichkeit erhalten, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, ohne vollständig aus dem System auszuscheiden oder dauerhaft Abschläge in Kauf nehmen zu müssen. Damit wird Entlastung nicht sanktioniert, sondern als Voraussetzung für längere Erwerbsbindung verstanden. Gerade ältere Beschäftigte bleiben so dem Arbeitsmarkt erhalten – nicht als überlastete Vollzeitkräfte, sondern als erfahrene Fachkräfte, Mentoren und Wissensträger.

Ein solches Modell setzt voraus, dass Arbeitszeit insgesamt stärker als lebensphasenabhängige Größe gedacht wird. Erwerbsbiografien verlaufen nicht linear: Phasen hoher Belastung, familiärer Verantwortung, Weiterbildung oder gesundheitlicher Einschränkung wechseln sich ab. Ein Arbeitsmarkt, der diese Realität ignoriert, produziert Frühverrentung, Teilzeitfallen und verdeckte Erwerbslosigkeit. Ein Arbeitsmarkt hingegen, der flexible Reduktion und spätere Aufstockung ermöglicht, bindet Arbeitskraft dauerhaft und stabil.

Ökonomisch ist dieser Ansatz keineswegs ein Rückzug aus der Leistungsfähigkeit, sondern im Gegenteil eine Investition in Produktivität. Zahlreiche Erfahrungen zeigen, dass Arbeitsleistung pro Stunde sinkt, wenn Arbeitszeiten verlängert und Arbeitsbedingungen verdichtet werden. Erschöpfung, Krankmeldungen und innere Kündigung sind die Folge. Ein Mehrbeschäftigungsmodell setzt dagegen auf Qualität statt Quantität: auf produktive, gesunde und motivierte Beschäftigte, deren Leistung nicht durch Dauer, sondern durch Passung bestimmt wird.

Auch sozialpolitisch bietet dieser Ansatz klare Vorteile. Während eine reine Mehrarbeitsstrategie vor allem jene begünstigt, die gesund, hochqualifiziert und wenig belastet sind, trägt ein Wahlmodell den unterschiedlichen Lebensrealitäten Rechnung. Pflegearbeit, körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten und psychische Belastungen werden nicht als individuelles Versagen behandelt, sondern als strukturelle Faktoren anerkannt. Wahlfreiheit wird damit nicht zum Privileg, sondern zum Ordnungsprinzip.

Für Unternehmen bedeutet dieses Modell eine veränderte, aber nicht eingeschränkte Flexibilität. Anpassungsfähigkeit entsteht nicht primär durch erleichterte Entlassung, sondern durch Mobilität innerhalb des Systems: durch Qualifizierung, durch altersgerechte Umgestaltung von Tätigkeiten und durch verlässliche Übergänge. Kündigungsschutz bleibt dabei ein zentrales Stabilitätselement, wird jedoch ergänzt durch aktive Instrumente, die Strukturwandel begleiten, statt ihn sozial abzufedern, nachdem er Schaden angerichtet hat.

Langfristig eröffnet ein Mehrbeschäftigungs- und Wahlrentenmodell einen stabileren Finanzierungspfad für die sozialen Sicherungssysteme. Eine breitere Erwerbsbeteiligung, geringere krankheitsbedingte Ausfälle und ein späterer vollständiger Renteneintritt entlasten die Rentenkassen nachhaltiger als eine pauschale Anhebung des Rentenalters. Entscheidend ist dabei die Freiwilligkeit: Wer selbst über Tempo und Ausstieg entscheidet, bleibt länger – nicht trotz, sondern wegen der Entlastung.

Die entscheidende Frage der kommenden Jahre lautet daher nicht, wie viele Stunden eine Gesellschaft insgesamt arbeitet, sondern wie klug sie ihre Arbeitskraft organisiert. Eine Politik, die allein auf Verlängerung setzt, riskiert soziale Erschöpfung und politischen Widerstand. Eine Politik, die auf Mehrbeschäftigung, Übergänge und Wahlfreiheit setzt, stärkt dagegen Resilienz, Produktivität und Vertrauen.

Dieses Memorandum plädiert daher für einen arbeits- und rentenpolitischen Paradigmenwechsel: weg von der Logik des „länger arbeiten müssen“, hin zu einer Ordnung, die es mehr Menschen ermöglicht, länger sinnvoll, gesund und freiwillig Teil des Erwerbslebens zu bleiben.

Auch hinsichtlich unseres hoffentlich noch planbaren Familienlebens, Nachwuchsbereitstellung und angesteuerter Vollbeschäftigung ist Zwang zur individuellen Mehrarbeit das schlechtere Modell. Es hat zu wenig Verästelungen mit unserer Bedürfniswelt und dem Arbeitskräfteangebot in Deutschland. 



Quellen

Songül Tolan (DIW Berlin)Die Flexibilisierung des Rentenübergangs in Deutschland, 2015, Berlin (DIW Berlin).
Kurzsummary: Analyse der bestehenden Instrumente zum gleitenden Rentenübergang in Deutschland. Der Beitrag zeigt, dass flexible Übergänge arbeitsmarktpolitisch sinnvoll sind, in der Praxis aber durch komplexe Regelungen und geringe Anreize begrenzt bleiben.

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)Flexible Übergänge in den Ruhestand: Verbreitung und Ausgestaltung von Altersteilzeit und Zeitwertkonten, 2025, Nürnberg (IAB-Forschungsbericht).
Kurzsummary: Empirische Untersuchung zur Nutzung flexibler Altersübergänge. Zentrales Ergebnis: Altersteilzeit und Zeitwertkonten stabilisieren Erwerbsverläufe, sind aber sozial und betrieblich ungleich verteilt.

Florian Blank / Wolfram Brehmer / Elke Ahlers (WSI, Hans-Böckler-Stiftung):
Wege in den Ruhestand: Angebot und Nutzung von Altersteilzeit und weiteren Instrumenten des Altersübergangs, 2025, Düsseldorf (WSI-Report).
Kurzsummary: Untersuchung betrieblicher Übergangsmodelle in den Ruhestand. Der Report zeigt, dass freiwillige, gestaffelte Übergänge sowohl Beschäftigung als auch Wissenstransfer fördern, bislang aber zu selten systematisch genutzt werden.

Martin Gasche / Carla KrolageGleitender Übergang in den Ruhestand durch Flexibilisierung der Teilrente, 2012, Berlin (Sozialer Fortschritt, Heft 7).
Kurzsummary: Fachaufsatz zur Reform der Teilrente. Argumentiert, dass weniger starre Stufen und transparente Hinzuverdienstregeln die Attraktivität freiwilliger Weiterarbeit deutlich erhöhen würden.

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)Altersteilzeit und Teilrente, 2023, Bonn (bpb, Dossier Rentenpolitik).
Kurzsummary: Überblicksartikel zu rechtlichem Rahmen, Entwicklung und Nutzung von Altersteilzeit und Teilrente in Deutschland. Zeigt die Diskrepanz zwischen politischer Zielsetzung und tatsächlicher Anwendung.

Carol Graham (Brookings Institution / IZA)Late-life work and well-being, 2019, Bonn (IZA World of Labor).
Kurzsummary: Internationale Evidenz zeigt, dass freiwillige Teilzeitarbeit und flexible Rentenübergänge im Alter mit höherer Lebenszufriedenheit, besserer Gesundheit und stabilerer Erwerbsbeteiligung verbunden sind.

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Die Welt als Auge: Ein Vergleich globaler Kameraüberwachung

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Es gibt Momente, da fragt man sich, ob die Welt mittlerweile mehr Linse als Landschaft ist. Wer durch eine asiatische Metropole streift, wird schnell das Gefühl nicht los, dass irgendwo ein Algorithmus mitschreibt, ob man zu oft blinzelt. Und während China mit hunderten Millionen Kameras fröhlich den „Big Data“-Modus aktiviert, geben sich EU-Länder eher moderat – zumindest im direkten Vergleich, denn wirklich kamerascheu ist auch in Europa niemand mehr.

Man sollte sich klarmachen: Überwachungskameras sind längst kein exotisches Stadtaccessoire mehr. Sie hängen überall: an Kreuzungen, über Parkhäusern, hinter Bäckereien, in Hauseingängen und da, wo früher oder heute auch noch Tauben saßen. Viele haben Namen wie „Smart City“, „CCTV-Optimierung“ oder „digitale Sicherheitspartnerschaft“. Interess-anterweise nennt niemand sein System „Wir möchten gern wissen, was du gerade tust oder InsidePrivacy“, aber das ist vielleicht Firmenmarketing.

Bevor wir die großen Stadt-Augen von London, Stockholm oder Rom betrachten, ein kurzer Blick auf das globale Spielfeld, in dem China, die USA und Europa die Hauptrollen spielen – wenn auch in sehr unterschiedlichen Filmlängen.

China führt das Ranking mit einer Nonchalance an, die fast sportlich wirkt. Je nach Quelle stehen über 700 Millionen Kameras im Land, also genügend, um jeden Einwohner gleich mehrfach zu porträtieren – inklusive derer, die versuchen, aus Prinzip immer im Schatten der Laternen und an Häuserwänden entlang zu laufen. Die USA hingegen sind weniger zentralistisch organisiert: Viel Überwachung kommt von privaten Unternehmen, Gewerben, Hauseigentümern und Shopping Malls. Dort existieren nach verschiedenen Marktanalysen rund 85–90 Millionen Kameras, was eine interessante Szenerie ergibt: Während die US-Regierung im Fernsehduell über Datenschutz debattiert, hängt im Hintergrund an jeder zweiten Wand ein privates kleines Auge, das demokratietauglich blinkt.

Europa ist ein weites Feld: Das Spektrum reicht von stocknüchterner schwedischer Polizeiinfrastruktur bis zu britischen Metropolen, die gerne die halbe Stadt kartieren – rein sicherheitshalber natürlich. Hier eine Übersicht der wichtigsten heute verfügbaren Schätzwerte.




Kameraüberwachung – globaler Vergleich

Region / Stadt Kameras (ca.) Kurzinfo
China ~700 Mio Sehr hohe staatliche und private Dichte. Smart-City-Programme überwachen Straßen, Plätze, Bahnhöfe; Gesichtserkennung weit verbreitet.
USA ~87,5 Mio Viele private Kameras in Shops, Wohnanlagen, Büros. Polizei greift über Kooperationen zu. Hohe Unterschiede zwischen Städten wie New York, Los Angeles oder Chicago.
EU gesamt ~100 bis 120 Mio Gemischte Systeme aus privaten und staatlichen Kameras. Kein zentrales Erfassungssystem, länderspezifische Unterschiede.
Deutschland ~1,3 Mio Hohe private Nutzung in Geschäften und Wohnanlagen, moderate staatliche Polizeikameras, besonders in Großstädten wie Berlin, Hamburg, München.
Frankreich ~1,0 Mio Paris besonders dicht überwacht; Mischung aus kommunalen und privaten Kameras. Wichtige Plätze, Bahnhöfe und Geschäftsstraßen stark abgedeckt.
Italien ~166.000 Fragmentierte, kommunale Systeme in Städten wie Rom, Mailand, Neapel, Turin. Dichte stark unterschiedlich, keine landesweite zentrale Erfassung.
Schweden (Stockholm) ~22.000 Stockholm besonders dicht überwacht, Fokus auf Verkehrsknotenpunkte, Bahnhöfe und Innenstadtbereiche. Private Kameras ergänzen staatliche Überwachung.
Spanien ~1,1 Mio Private Systeme und städtische Kameras in Metropolen wie Madrid, Barcelona, Valencia. Verkehr und Plätze sind überwacht; Dichte variiert stark zwischen Städten.
Niederlande ~500.000 Hohe Abdeckung in Amsterdam, Rotterdam und Den Haag. Fokus auf Verkehr, Tourismus und städtische Sicherheit. Private Kameras ergänzen kommunale Systeme.
Großbritannien (gesamt) ~5,5 Mio Traditionell hohe CCTV-Dichte, besonders in London, Manchester und Birmingham. Mischung aus öffentlichen und privaten Kameras.
London ~930.000 Eine der am dichtesten überwachten Städte Europas. Öffentliche Verkehrsknoten, Plätze, Banken und Einkaufsstraßen stark abgedeckt.
Paris (Stadt) ~45.000 Kommunale und private Kameras im Innenstadtbereich, Geschäfte, Bahnhöfe, touristische Hotspots überwacht.
Madrid ~35.000 Kameras vor allem in Geschäftszentren, öffentlichen Plätzen und Verkehrsknoten. Städtische Überwachung ergänzt private Anlagen.
Amsterdam ~25.000 Fokus auf Innenstadt, Verkehrsknotenpunkte und Tourismuszonen. Mischung aus Stadt und privaten Kameras.
Rom ~17.000 bis 20.000 Uneinheitlich, viele alte Systeme, besonders in historischen und touristischen Zentren. Private Kameras ergänzen kommunale Anlagen.
Stockholm ~22.000 Sehr hohe Dichte pro km², Fokus auf Innenstadt, Verkehr und öffentliche Plätze. Private Kameras ergänzen staatliche Überwachung.


Quellenverzeichnis – wichtigste Schätz- und Hintergrundquellen