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Dienstag, 1. September 2026

Wählerabkehr 02: Der Absturz der CDU/CSU

Mit KI generiert


Der Absturz der CDU/CSU ist womöglich noch dramatischer, weil er so schnell kam. Die Union hat die Bundestagswahl im Februar 2025 noch mit 28,6 Prozent gewonnen und stellt seit Mai 2025 mit Friedrich Merz den Bundeskanzler. Und trotzdem liegt sie inzwischen bei manchen Instituten nur noch bei 20 bis 21 Prozent – ein Verlust von rund 8,5 Prozentpunkten innerhalb von etwa anderthalb Jahren, und laut YouGov der niedrigste Wert, den die CDU/CSU in einer deutschlandweiten Sonntagsfrage seit vielen Jahren erreicht hat. Auch auf Länderebene bricht es ein: In Berlin von 28,2 auf 19,3 Prozent, in Bremen laut einer Erhebung von 43,4 auf 27 Prozent. Das ist ein Sturz aus der Regierungsverantwortung heraus, nicht aus der Opposition – politisch deutlich ungewöhnlicher und alarmierender als der SPD-Niedergang. Bundestagwahlumfrage

1. Der Wortbruch als Vertrauenskiller

Das ist der zentrale Mechanismus, und er ist selbstverschuldet. Merz ist mit dem klaren Versprechen angetreten, eine echte Kurskorrektur gegenüber der Ampel und gegenüber Merkels Linkskurs zu liefern – härtere Migrationspolitik, keine Zusammenarbeit mit der SPD "in dieser Form", Haushaltsdisziplin. Praktisch unmittelbar nach der Wahl kam dann doch die Große Koalition mit der SPD, dazu eine massive Lockerung der Schuldenbremse für Verteidigung und Infrastruktur – durchgesetzt noch mit den Stimmen des alten, abgewählten Bundestags, teils mithilfe der Grünen. Für viele CDU-Wähler, die Merz explizit wegen dieser Versprechen gewählt hatten, wirkte das wie ein Bruch binnen Wochen. Diese Art von wahrgenommenem Wortbruch beschädigt Vertrauen nachhaltiger als schlechte Umfragewerte allein – er nährt genau die Erzählung, gegen die die Union eigentlich antreten wollte: "Die Etablierten machen ohnehin, was sie wollen."

2. Die GroKo-Falle – diesmal für den Seniorpartner

Auch hier wiederholt sich ein Strukturmuster: Selbst als Seniorpartner einer Großen Koalition verliert die Union an Kontur. Kompromisse mit der SPD verwässern das eigene Profil, klare wirtschafts- und migrationspolitische Kurswechsel bleiben aus, während gleichzeitig die AfD als einzige klar profilierte Oppositionskraft rechts der Union von jeder Enttäuschung profitiert. Hauptgründe sind ausbleibende Wirtschaftserholung, enttäuschte Wähler aus der Mitte, die CDU/CSU 2025 wegen Merz' Versprechen gewählt hatten, sowie die Zwänge einer Großen Koalition, die klare Entscheidungen verhindert. Viele Wähler wandern direkt zur AfD ab. Bundestagwahlumfrage

3. Die Brandmauer-Erosion und ihr Bumerang-Effekt

Im Januar 2025 stimmte die Union im Bundestag bei einem migrationspolitischen Antrag erstmals mit Stimmen der AfD – ein historischer Dammbruch, der bundesweit Massenproteste auslöste. Kurzfristig sollte das Kompetenz in der Migrationsfrage demonstrieren. Tatsächlich hat es zwei Dinge bewirkt: Es hat die AfD als koalitionsfähig bzw. "normalisiert" erscheinen lassen und zugleich bürgerlich-liberale Wähler der Mitte verschreckt, die zu Grünen oder zur SPD abwanderten – ohne dass die eigentliche Wählerschaft, auf die es abzielte, dauerhaft gebunden werden konnte. Man hat sich also beide Flanken beschädigt, ohne eine davon zu gewinnen.

4. Merkels Erbe: die entkernte CDU

Das reicht historisch tiefer zurück. Unter Angela Merkel (2005–2021) hat sich die CDU programmatisch stark in Richtung Mitte-links bewegt: Ausstieg aus der Atomkraft, Abschaffung der Wehrpflicht, Mindestlohn, Ehe für alle (zumindest freigegeben), vor allem aber die Flüchtlingspolitik 2015 ("Wir schaffen das"). Das hat die CDU zeitweise für urbane, liberale Wähler attraktiv gemacht, aber den konservativen Markenkern der Partei ausgehöhlt. Genau dieses Vakuum rechts der Union hat die AfD gefüllt – ursprünglich 2013 als Anti-Euro-Partei gegründet, aber erst durch die Migrationspolitik ab 2015 zur echten Massenpartei geworden. Merz sollte dieses Vakuum eigentlich schließen; dass ihm das nicht gelingt, zeigt, wie tief der Bruch inzwischen sitzt.

5. Fehlende ideologische Eigenständigkeit – die "Kanzlerwahlverein"-Problematik

Die CDU war historisch nie eine Programmpartei mit festem ideologischem Kern wie etwa Wertkonservative in anderen Ländern, sondern ein pragmatisches Sammelbecken, das sich stark über die jeweilige Kanzlerpersönlichkeit definierte – Adenauer, Kohl, Merkel. Ohne eine dominante, integrative Führungsfigur mit klarer Erzählung zerfällt die Partei leicht in ihre Flügel: Wirtschaftsliberale, Wertkonservative, Merkel-Sozialliberale. Merz selbst gilt zwar als wirtschaftsliberaler und konservativer Merkel-Gegenspieler, aber als Kanzler in der GroKo kann er dieses Profil kaum ausspielen – er verwaltet Kompromisse statt Kurs zu setzen. Das Sympathie- und Leistungsbarometer für Merz liegt entsprechend mit -0,5 im negativen Bereich.

6. AfD als strukturell neuartiger Konkurrent

Der entscheidende Unterschied zu früheren CDU-Krisen (etwa der Spendenaffäre 1999/2000 um Kohl und Schäuble, die die Partei zwar erschütterte, aber danach unter Merkel wieder auf über 40 Prozent zurückführte): Damals gab es rechts der Union keine dauerhaft etablierte, zweistellige Konkurrenzpartei. Die Republikaner oder die Schill-Partei blieben Randerscheinungen. Die AfD dagegen ist bundesweit strukturell verankert, liegt inzwischen bei rund 28 Prozent klar vor der Union und hat sich vor allem in Ostdeutschland als neue Volkspartei etabliert. Anders als 2000 gibt es diesmal keinen "natürlichen Rückweg" enttäuschter Konservativer zur CDU – die Konkurrenz hat sich dauerhaft eingerichtet. Mehr denn je haben sich dort Populisten und Propagandisten der Schwarzweißmalerei versammelt.

7. Regionale Zerklüftung

Auch hier zeigt sich ein Ost-West-Gefälle, nur mit umgekehrten Vorzeichen zur SPD: In Bayern hält sich die CSU über der 38-Prozent-Marke, weil sie dort traditionell rechts-konservativer auftritt und stärker eigenständig operiert. Für die CSU jedoch ein schlechtes Ergebnis. In ostdeutschen Ländern dagegen – wo die Union ohnehin nie über eine mit dem Westen vergleichbare Verankerung verfügte – ist sie zunehmend Juniorpartner oder Zaungast, während die AfD dort die Führungsrolle übernimmt.

Fazit

Der CDU-Absturz ist in gewisser Weise noch bezeichnender als der der SPD, weil er als amtierende Regierungspartei geschieht, nicht aus der Opposition heraus. Kernursachen: ein als Wortbruch wahrgenommener sofortiger Kurswechsel nach der Wahl, die entwertende Wirkung der erneuten Großen Koalition, eine gescheiterte Gratwanderung bei der Brandmauer-Frage, das ideologische Vakuum aus der Merkel-Ära und – entscheidend – eine erstmals dauerhaft etablierte Konkurrenzpartei rechts von ihr, die es in früheren Krisen der Partei schlicht nicht gab.

Zur Ausgewogenheit: CDU-nahe Stimmen würden einwenden, dass die Bundesregierung objektiv schwierige äußere Bedingungen geerbt hat (Wirtschaftsflaute, internationale Krisen, hohe Erwartungen nach 16 Jahren Merkel plus Ampel-Frustration) und dass Umfragen anderthalb Jahre vor der nächsten reellen Bundestagswahl noch wenig Prognosekraft haben. Trotzdem: Der Vertrauensverlust bei den eigenen Kernwählern binnen so kurzer Zeit ist ein Befund, an dem die Partei selbst kaum vorbeikommt.