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| Strände voll, Gewinne schrumpfend |
Volle Strände und ausgebuchte Hotels bedeuten auf Usedom 2025 längst nicht mehr volle Kassen. Die Betriebe stecken nicht in einer Nachfragekrise, sondern in einer Kostenkrise. Und wer nach Mallorca schaut, erkennt das Muster sofort wieder.
Auf Usedom frisst die Kostenseite die Auslastung auf. Ein Hotelzimmer kann für 180 Euro pro Nacht voll sein – doch wenn Strom für Wellnessbereich und Küche, Frühstück und Reinigung zusammen 140 Euro verschlingen, bleiben von der einstigen Marge nur noch Reste. Die Energiepreise sind seit 2022 massiv hoch, Lebensmittel für die Gastronomie deutlich teurer, und der Fachkräftemangel treibt die Personalkosten. Mindestlohn und teure Aushilfen setzen zu. 70 Prozent der Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern konnten laut DEHOGA-Umfrage nötige Investitionen längst nicht mehr stemmen. Der Investitionsstau wird sichtbar: an der bröckelnden Fassade, am Service, der leidet.
Gleichzeitig sind die Gäste preissensibler geworden. Die Kosten lassen sich nicht 1:1 durchreichen. In der Debatte auf der Insel fällt immer wieder der Satz: „Völlig überzogene Preise, gepaart mit unfreundlichem Service. Lohnt nicht mehr angesichts der vielen Alternativen.“ Wer zu stark erhöht, verliert Gäste an die Konkurrenz. Wer nicht erhöht, rutscht in die Verlustzone. 29,7 Prozent der MV-Betriebe rechnen für 2025 mit Verlust.
Die Konkurrenz sitzt direkt nebenan. Ein Spaziergang über die Grenze nach Swinemünde genügt, und die polnische Ostseeküste lockt mit niedrigeren Löhnen und Preisen. Viele Kommentare im Netz zeigen: Die Alternativen sind bekannt. Deutsche Gastronomen kämpfen mit Fachkräftemangel und schwierigen Rahmenbedingungen, während Polen preislich punktet.
Dazu kommt ein Strukturwandel bei den Gästen selbst. Die ITB-Trends für 2026 zeigen es deutlich: Deutsche favorisieren inzwischen mehrere kurze Trips statt des langen Sommerurlaubs, mit Fokus auf Sicherheit und Nähe. Für Usedom heißt das: mehr An- und Abreisetage, also höhere Reinigungs- und Verwaltungskosten pro Übernachtung. Gleichzeitig sparen die Gäste bei Restaurant, Wellness und Extras – genau den Posten, die früher die hohe Marge brachten. Die Hochsaison läuft top, die Nebensaison mau. Ein Edeka auf der Insel macht im Sommer 450.000 Euro Umsatz, im Winter nur 200.000. Die Fixkosten laufen aber ganzjährig.
Die Branche spricht deshalb vom „Scheideweg“. Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung titelt: „Usedom am Scheideweg: 30 Jahre Tourismusindustrie stehen auf dem Spiel.“ Trotz voller Strände schließen Hotels und Restaurants entlang der deutschen Ostsee.
Mallorca: Die gleiche Falle, nur lauter
Wer das für ein Usedom-spezifisches Problem hält, muss nur nach Mallorca blicken. Auch dort sind die Hotels voll, doch die Einheimischen protestieren. Im Mai 2024 gingen 50.000 Menschen in Palma auf die Straße. Ihr Slogan: „Mallorca is not for sale“. Der Grund ist derselbe Teufelskreis: Wohnraum wird zu Ferienwohnungen, Mieten steigen seit 2015 um über 75 Prozent, Kellner und Pflegekräfte können sich das Leben in Palma nicht mehr leisten.
Dazu kommt, was Usedom nicht kennt: die Kreuzfahrtschiffe. 2,5 Millionen Tagestouristen fluten jährlich die Insel, verstopfen die Altstadt, hinterlassen Müll, geben aber kaum Geld in kleinen Läden aus. Die Preise in Supermärkten und Restaurants orientieren sich an Touristen, nicht am Lohn einer mallorquinischen Lehrerin.
Genau wie auf Usedom kippt die Infrastruktur. Schulen und Arztpraxen schließen, weil das Personal wegzieht. Der Ort funktioniert nur noch als Kulisse für drei Monate Hochsaison.
Bottom Line: Masse ist nicht Gewinn
Ob Usedom oder Mallorca – die Touristification läuft bereits seit Jahren. Beide stecken in einer klassischen Stagflation des Tourismus: Die Nachfrage ist da, aber Inflation bei Energie, Lohn und Lebensmitteln, Investitionsstau und Preisdruck durch günstigere Konkurrenz fressen den Gewinn. Deshalb investieren viele Betriebe nicht mehr. Das verschärft den Abwärtstrend bei Service und Qualität, was wieder Gäste kostet. Ein Teufelskreis.
Die Kernfrage lautet an der Ostsee wie am Mittelmeer: Wollen wir Museum für Urlauber sein oder Lebensraum für die Menschen, die dort das ganze Jahr arbeiten?

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