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| KI-Drohnenaufnahme, Nordpfälzer Bergland |
In 10 Wahlkreisen erreicht die AfD den höchsten Landesstimmenanteil (Statistisches Landesamt RLP, Statistische Analysen Nr. 70, 2026).
■ Germersheim, Vfr. Gemeinde (35,2 Prozent; +17,5 Prozentpunkte)
■ Pirmasens, Kfr. Stadt (32,1 Prozent; +17,1 Prozentpunkte)
■ Otterbach-Otterberg, VG (28,8 Prozent; +17,3 Prozentpunkte)
■ Kirner-Land, VG (28,5 Prozent; +17,4 Prozentpunkte)
■ Idar-Oberstein, Vfr. Gemeinde (28,3 Prozent; +17,1 Prozentpunkte)
■ Eich, VG (28 Prozent; +14,7 Prozentpunkte)
■ Hamm (Sieg), VG (27,3 Prozent; +16,5 Prozentpunkte)
■ Kirchberg (Hunsrück), VG (27,2 Prozent; +17,9 Prozentpunkte)
■ Baumholder, VG (27,2 Prozent; +17,4 Prozentpunkte)
■ Oberes Glantal, VG (27,1 Prozent; +15,9 Prozentpunkte)
Die Beobachtung, dass hohe AfD-Ergebnisse gehäuft in Regionen mit (auch ehemaligen) Militärstandorten auftreten, ist nicht neu – und sie ist auch nicht falsch. Aber sie führt leicht in die Irre, wenn man sie vorschnell kausal deutet. Denn der Militärstandort selbst ist in den seltensten Fällen die Ursache politischer Verschiebungen. Es ist auch unwahrscheinlich, dass die AfD-Wähler einen direkten Draht zum Militär suchen, um eine Machtergreifung am Tag X zu verwirklichen. Er ist vielmehr ein Marker, ein Hinweis auf tiefere strukturelle Bedingungen, die diese Räume prägen.
Viele dieser Standorte liegen nicht zufällig in dünn besiedelten Gegenden, in ehemaligen Grenzlagen oder in wirtschaftlich schwächeren Regionen. Sie waren Teil einer strategischen Geografie, die Sicherheit organisieren sollte – und zugleich über Jahrzehnte hinweg Stabilität erzeugte: Arbeitsplätze, Kaufkraft, eine klare Funktion im staatlichen Gefüge. Mit dem Abzug oder der Reduktion von Bundeswehr- und NATO-Präsenz ist diese Stabilität vielerorts erodiert. Was bleibt ist nicht nur ein ökonomisches Defizit, sondern ein mentaler Bruch: das Gefühl, von einer ehemals bedeutsamen Rolle in eine Randexistenz gefallen zu sein. „Wir wurden gebraucht“ weicht einem „wir kommen nicht mehr vor“. In dieser Verschiebung entstehen jene Abstiegserzählungen, die politisch anschlussfähig sind – weil sie Erfahrung bündeln und Deutung anbieten.
Hinzu kommt eine zweite Ebene: Regionen mit militärischer Prägung tragen oft ein gewachsenes Verständnis von Staatlichkeit in sich, das stärker auf Ordnung, Sicherheit und Verlässlichkeit ausgerichtet ist. Fragen von Migration, geopolitischer Bedrohung oder staatlicher Autorität werden hier nicht abstrakt diskutiert, sondern als konkrete Risiken wahrgenommen. Politische Angebote, die genau diese Themen betonen – Grenzen, Souveränität, Stärke – treffen deshalb auf einen Resonanzraum, der bereits vorhanden ist. Es ist weniger eine ideologische Verschiebung als eine Angleichung von Wahrnehmung und politischer Ansprache.
Drittens spielt die demografische Struktur eine entscheidende Rolle. Viele dieser Regionen altern, sie verzeichnen geringeren Zuzug und besitzen einen schwächeren Anteil urban geprägter Milieus. Damit fehlen oft genau jene Dynamiken, die gesellschaftliche Offenheit, wirtschaftliche Innovation und politische Vielfalt fördern. Die Folge ist eine stärkere Homogenität – sozial wie politisch –, in der sich bestimmte Einstellungen stabilisieren und verstärken können.
Doch all das erklärt noch nicht alles – und darf auch nicht zu falschen Schlüssen führen. Es gibt zahlreiche Militärstandorte, in denen die AfD keine herausragenden Ergebnisse erzielt, ebenso wie viele Hochburgen der Partei ohne jeden militärischen Bezug. Die entscheidenderen Faktoren liegen tiefer: wirtschaftliche Unsicherheit, das Gefühl politischer Vernachlässigung, eine schwache Infrastruktur und eine wachsende Distanz zum politischen System insgesamt. Der Militärstandort ist in diesem Sinne kein Treiber, sondern ein Begleitmerkmal bestimmter Raumtypen – ein sichtbares Relikt vergangener staatlicher Präsenz, das den Kontrast zur Gegenwart umso schärfer hervortreten lässt.
In der Zuspitzung zeigt sich daher ein anderer Zusammenhang: Nicht der Standort erzeugt die Wahlentscheidung, sondern der Verlust von Bedeutung, der sich um ihn herum vollzogen hat. Die frühere Garnisonsstadt war eingebunden, funktional, präsent im Gefüge des Staates. Die heutige Realität ist vielerorts von Schrumpfung, Funktionsverlust und einer offenen Identitätsfrage geprägt. In diese Lücke stößt das politische Angebot der AfD, das einfache Erklärungen liefert, klare Gegensätze formuliert und symbolische Aufwertung verspricht. Es sagt: Ihr seid nicht am Rand – ihr seid der Kern, der übersehen wird.
Das Fazit liegt deshalb jenseits einzelner Standorte oder statistischer Korrelationen. Was sich hier zeigt, ist ein strukturelles Problem politischer Bindung. Wo Räume an Bedeutung verlieren, verliert auch der Staat an Vertrauen. Und wo Vertrauen schwindet, gewinnen jene Kräfte an Gewicht, die diesen Verlust benennen, zuspitzen und politisch nutzbar machen.
Was kann die neue Regierung tun, um diese Missstände zu beseitigen?
Die Aufgabe der regierenden CDU lässt sich auf einen klaren Kern verdichten: Sie muss verlorenes Vertrauen durch sichtbares, schnelles und verlässliches Handeln zurückgewinnen. Das bedeutet erstens, den Staat in der Fläche wieder erfahrbar zu machen – mit besser funktionierenden Behörden, mehr präsenter Polizei und klaren Ansprechpartnern vor Ort. Zweitens muss sie Infrastruktur nicht länger ankündigen, sondern konsequent umsetzen: Kreisstraßen, Glasfasernetze, Versorgung mit Ärzten, Läden – fertiggestellt, nicht nur versprochen. Drittens braucht es eine gezielte wirtschaftliche Belebung strukturschwacher Regionen, vor allem durch Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Viertens ist Recht und Ordnung nicht rhetorisch, sondern praktisch durchzusetzen, um staatliche Autorität glaubwürdig zu machen. Und schließlich muss die CDU politisch anders auftreten: zuhören statt belehren, Präsenz zeigen statt Distanz verwalten und regionale Identität anerkennen statt übergehen. Aber es wird nicht leicht sein ... die Kosten laufen davon. Daran sind die Kommunen bislang sehr oft gescheitert.
Neue Devise: Nicht Programme entscheiden – sondern Taten, die zeigen, dass der Staat funktioniert und als verlässlich erlebt wird.
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