Donnerstag, 15. Januar 2026

Wege aus der Verasozialisierung und Verrohung der Schulen (Teil 1): Ideen und Anregungen für Eltern

Wutausbruch eines Schülers
AI, gemeinfrei
Die zunehmende Gewalt, Regelverletzungen und sozialen Konflikte an Schulen werden
häufig der Schule selbst zugeschrieben. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch:

Die Ursachen liegen nur zu einem geringen Teil im schulischen Raum.

Schulen sind vielmehr der Ort, an dem sich gesellschaftliche Probleme bündeln und sichtbar werden – insbesondere die Folgen prekärer Lebenslagen von Familien und deren Kindern.

1. Wo das eigentliche Problem liegt

Viele Kinder aus prekären Familien starten bereits mit erheblichen Nachteilen in ihre Schullaufbahn. Diese betreffen nicht nur sprachliche oder kognitive Fähigkeiten, sondern vor allem grundlegende soziale Kompetenzen:

  • Verlässlichkeit
  • Frustrationstoleranz
  • Konfliktfähigkeit
  • Akzeptanz von Regeln und Autoritäten

Diese Fähigkeiten werden primär im familiären Umfeld erworben. Wenn dort Überforderung, Instabilität oder fehlende Orientierung vorherrschen, kann Schule dies nicht vollständig kompensieren. In solchen Fällen wird Schule zunehmend „verasozialisiert“: Sie soll erziehen, stabilisieren, therapieren und kontrollieren – Aufgaben, für die sie weder konzipiert noch ausreichend ausgestattet ist.

2. Gibt es überhaupt noch wirksame Mittel?

Die ernüchternde, aber auch ermutigende Antwort lautet: Ja, es gibt Mittel und Wege – allerdings nur unter klaren Bedingungen.

 Nicht wirksam sind:

  • späte Eingriffe,
  • freiwillige Angebote ohne Verbindlichkeit,
  • reine Disziplinarmaßnahmen.

Wirksam sind dagegen Ansätze, die früh, verbindlich und systemisch ansetzen und Kinder und Eltern einbeziehen.

3. Einführungsjahre als realistischer Ansatz

Ein zentrales Instrument könnten Einführungs- oder Übergangsjahre sein – nicht als Sonderbeschulung oder Sanktion, sondern als strukturierte Sozialisierungsphase.

Für Kinder:

  • klare Tagesstrukturen
  • kleine Gruppen
  • intensive Beziehungsarbeit
  • explizites Erlernen sozialer Regeln
  • Förderung emotionaler Selbstregulation

Für Eltern:

  • verpflichtende, aber unterstützende Begleitung
  • Klärung von Rollen, Erwartungen und Zuständigkeiten
  • praktische Hilfen im Alltag
  • Vermittlung grundlegender Erziehungskompetenzen

Solche Einführungsjahre würden frühzeitig ansetzen, bevor sich schulisches Scheitern, Gewalt und Ablehnung gegenüber Institutionen verfestigen.

4. Ja – es ist faktisch eine Nacherziehung der Eltern!

So unangenehm dieser Begriff ist: In vielen Fällen handelt es sich tatsächlich um eine nachholende Qualifizierung elterlicher Erziehungs- und Sozialkompetenzen. Das ist kein moralisches Urteil über Eltern, sondern eine nüchterne Feststellung:

  • Viele Eltern sind selbst mit Schule und Institutionen überfordert.
  • Viele arbeiten unter prekären Bedingungen und haben kaum Zeitressourcen.
  • Viele reproduzieren unbewusst problematische Muster.

Frühzeitige, unterstützende Elternarbeit ist daher keine Bevormundung, sondern eine Schutzmaßnahme für Kinder.

5. Wie erreicht man Eltern, die arbeiten müssen?

Ein zentraler Einwand lautet zu Recht: Was ist mit Eltern, die beide arbeiten müssen?
Hier zeigt sich, dass Integration nur gelingen kann, wenn sie zeitlich realistisch gestaltet ist:

  • flexible Zeiten (abends, am Wochenende)
  • kurze, modulare Angebote
  • digitale oder hybride Formate
  • Kopplung an Betreuungszeiten der Kinder
  • feste Ansprechpartner (Familienlotsen)

Verbindlichkeit bedeutet dabei nicht starre Präsenzpflicht, sondern klare Ziele bei flexiblen Wegen.

6. Kann das die Verasozialisierung der Schulen verringern?

Ja – zumindest deutlich.
Nicht, weil alle Probleme verschwinden, sondern weil:

  • Eskalationen früher abgefangen werden,
  • Regelklassen entlastet werden,
  • Bindungen stabilisiert werden,
  • Gewalt- und Ausgrenzungsdynamiken seltener entstehen.

Bereits partielle Stabilisierung von Familien wirkt sich messbar auf Schulklima und Sicherheit aus.

7. Die zentrale Erkenntnis

Die Frage ist nicht, ob man sich solche Maßnahmen leisten kann.
Die eigentliche Frage lautet:

Können wir es uns leisten, weiter nichts zu tun?

Ohne frühe, verbindliche und familienbezogene Intervention wird die Schule weiter Aufgaben übernehmen müssen, die sie strukturell überfordern – mit steigenden Kosten für Gesellschaft, Justiz und soziale Sicherungssysteme.

8. Schlussfolgerung

Ja, es gibt Mittel und Wege, die Problemdynamik prekärer Familien zu beeinflussen.
Ja, Einführungsjahre für Kinder und Eltern sind ein ernstzunehmender, praktikabler Ansatz.

Aber nur, wenn sie:

  • früh beginnen,
  • verbindlich, aber unterstützend sind,
  • Eltern realistisch einbeziehen,
  • und politisch konsequent getragen werden.

Dann kann die Verasozialisierung der Schulen wieder abnehmen – nicht durch Härte, sondern durch frühe Verantwortung und verlässliche Unterstützung.


Weitere Gegenmaßnahmen

1. Früh ansetzen: Bevor Schule überfordert wird

Ziel: Gewalt nicht erst sanktionieren, sondern verhindern.

  • Verbindliche Sprach- und Sozialdiagnostik vor Schuleintritt
    Früh erkennen: Sprachdefizite, Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsprobleme.
  • Vorschulische Förderpflicht statt Förderangebot
    Teilnahme nicht freiwillig, sondern verbindlich bei festgestellten Defiziten.
  • Enge Verzahnung von Kita, Jugendamt und Grundschule
    Übergänge sind Hochrisikophasen für Eskalation.

Wirkung: Reduziert spätere Schulüberforderung und Aggressionsdynamiken.


2. Schule entlasten: Klare Rollen statt Überforderung

Ziel: Lehrkräfte unterrichten lassen – nicht kompensieren.

  • Mehr Schulsozialarbeit, Psychologen, Deeskalationsfachkräfte
    Besonders an Brennpunktschulen im festen Team.
  • Klare Zuständigkeiten bei Gewalt
    Lehrkräfte melden → Sozialarbeit/Jugendhilfe greift ein → ggf. Polizei.
  • Konsequente Sanktionen bei Gewalt
    Pädagogisch begleitet, aber verbindlich (keine folgenlosen Grenzverletzungen).

Wirkung: Schule bleibt Lernort, nicht Reparaturbetrieb.


3. Elternarbeit neu denken – realistisch, verbindlich, niedrigschwellig

Ziel: Verhaltensmuster verändern, nicht moralisieren.

  • Verpflichtende Elternprogramme bei Auffälligkeiten
    Erziehung, Konfliktlösung, Schulpflicht, Umgang mit Gewalt.
  • Formate für arbeitende Eltern
    Abend- und Wochenendtermine, Online-Module, kurze Präsenzphasen.
  • Konsequenzen bei dauerhafter Verweigerung
    Jugendamtliche Maßnahmen statt bloßer Appelle.

Wirkung: Eltern werden Teil der Lösung, nicht nur Adressaten von Kritik.


4. Trennung von Förderung und Schutz

Ziel: Opfer schützen, Täter konsequent begrenzen.

  • Sofortiger Schutz für Betroffene
    Klassenwechsel, Begleitung, klare Signale.
  • Temporäre Auslagerung hochaggressiver Schüler
    Förder-, Übergangs- oder Intensivgruppen statt Dauerstörung.
  • Rückkehr nur mit klaren Auflagen
    Sozialtraining, Verhaltenstraining, Elternmitwirkung.

Wirkung: Schule signalisiert Handlungsfähigkeit und Gerechtigkeit.


5. Umgang mit ideologischen Einflüssen (z. B. Extremismus)

Ziel: Radikalisierung früh stoppen.

  • Früherkennung von extremistischen Symbolen und Narrativen
  • Kooperation mit Präventionsstellen gegen Extremismus
  • Klare Nulltoleranz gegenüber Gewaltlegitimation
  • Egal aus welchem politischen oder religiösen Spektrum.

Wirkung: Schule bleibt demokratischer Schutzraum.


6. Gesellschaftliche Stellschrauben (außerhalb der Schule)

Ziel: Ursachen reduzieren, nicht nur Symptome.

  • Armutsbekämpfung und Wohnstabilität
  • Verlässliche Integrations- und Sprachpolitik
  • Jugendangebote im Sozialraum
  • Sport, Mentoren, sinnvolle Freizeit statt Straße.

Wirkung: Weniger Frustration, weniger Gewaltpotenzial.


Zentrales Fazit

Ja – es gibt Mittel und Wege, die Gewaltspirale zu brechen.
Aber nur unter drei Bedingungen:

  1. Früh, verbindlich und konsequent handeln.
  2. Schule entlasten statt überfrachten.
  3. Elternarbeit verpflichtend und realistisch organisieren.

Ohne diese Punkte wird jede Maßnahme zur Symbolpolitik.
Mit ihnen kann die Verrohung an Schulen messbar zurückgehen.



Wissenschaftler, Autoren, Therapeuten, die Forderungen in Richtung „Einführungsjahre“ + „Nacherziehung der Eltern“ vertreten

1. Jesper Juul

International bekannter Familientherapeut. Beschreibt in „Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht“ und anderen Werken, dass viele Eltern grundlegende erzieherische Kompetenzen nicht mitbringen.
Betont die Notwendigkeit nachträglicher Erziehung der Eltern, um Kindern stabile Beziehungen zu ermöglichen. In der Fachliteratur wird Juul sogar explizit im Kontext „Nacherziehung“ zitiert.

2. Michael Macsenaere & Jens Arnold (IKJ Mainz)

Empirische Forschung zu Hilfen zur Erziehung. Fordern verpflichtende Elternarbeit, weil Kinder ohne parallele Elternkompetenzförderung nicht stabil gefördert werden können. beide betonen, dass Elternarbeit zwingend ist, um Verhaltensauffälligkeiten und Schulversagen zu verhindern.

3. Haim Omer 

Entwickelt Konzepte, die explizit auf Re‑Sozialisierung der Elternrolle abzielen. Forderung: Eltern müssen „wieder handlungsfähig gemacht“ werden – durch Training, Coaching, klare Strukturen. Wird in Schulen und Jugendhilfe breit rezipiert.

4. Remo Largo

In „Babyjahre“ und „Kinderjahre“: Eltern benötigen systematische Anleitung, weil moderne Gesellschaften traditionelle Sozialisationsmechanismen verloren haben. Plädiert für strukturelle Unterstützungssysteme, die Eltern in ihrer Erziehungsfähigkeit stabilisieren.

5. Franz Hamburger

Erziehungswissenschaftler, der seit den 1990ern fordert, dass Elternbildung verpflichtender Bestandteil von Sozialpolitik sein müsse. Sieht mangelnde elterliche Sozialisation als Kernproblem sozialer Ungleichheit.

6. Klaus Hurrelmann

Sozialisationstheoretiker. Betont, dass viele Eltern die primäre Sozialisation nicht mehr leisten können. Fordert institutionelle Kompensation – u.a. durch vorschulische Programme, Übergangsbegleitung und Elterntrainings.

7. Gerald Hüther

Neurobiologe. Kritisiert „erziehungsunfähige“ Eltern und fordert systematische Elternbildung, um Kindern stabile emotionale Rahmenbedingungen zu geben.

8. Alfred Adler / Rudolf Dreikurs (Individualpsychologie)

Historisch wichtig: Forderten bereits in den 1920ern Elternschulen, um elterliche Erziehungskompetenz nachträglich zu vermitteln.

9. John Bowlby / Mary Ainsworth (Bindungstheorie)

Nicht politisch fordernd, aber wissenschaftlich zentral: Ihre Forschung begründet die Notwendigkeit früher, strukturierter Sozialisierungsphasen und intensiver Elternbegleitung.

10. Heinz Sünker / Hans Thiersch (Sozialpädagogik)

Fordern eine „pädagogische Rekonstruktion der Elternrolle“. Eltern müssen in ihrer Erziehungsfunktion professionell begleitet werden.

11: Autoren, die explizit Übergangsjahre / Brückenjahre fordern:

Kirsten Raudonat über das „Brückenjahr“ zwischen Kita und Grundschule.
Thorsten Bührmann über Übergänge in der frühen Bildung und Elternarbeit.
Sylvia Jäde über den Übergang zur Elternschaft als kritische Sozialisationsphase.

Das Modell – Einführungsjahr für Kinder + verpflichtendes Elternjahr
Charakter des Modells:
Eine Synthese aus drei Diskursen:
1. Frühkindliche Übergangsforschung
Raudonat, Bührmann, Jäde
2. Elternkompetenzförderung / Nacherziehung
Juul, Macsenaere, Omer, Hurrelmann
3. Sozialisationstheorie
Hurrelmann, Sünker, Thiersch
Ergebnis der Synthese:
Eine strukturierte Sozialisierungsphase für Kinder und Eltern, bevor Probleme chronisch werden.





Literatur zum Thema

Jesper Juul

  • Dein kompetentes Kind (1997)
  • Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht (2007)

Michael Macsenaere & Jens Arnold

  • Wirkungsorientierte Jugendhilfe (mehrere Auflagen)
  • Qualität und Wirksamkeit in den Hilfen zur Erziehung (2015)

Haim Omer

  • Neue Autorität (2006)
  • Stärke statt Macht (2010)

Remo Largo

  • Babyjahre (1993)
  • Kinderjahre (1999)

Franz Hamburger

  • Migration und Bildung (2009)
  • Sozialpädagogik in der Einwanderungsgesellschaft (2004)

Klaus Hurrelmann

  • Einführung in die Sozialisationstheorie (zahlreiche Auflagen)
  • Lebensphase Jugend (mit U. Engel)

Gerald Hüther

  • Was wir sind und was wir sein könnten (2011)
  • Mit Freude lernen (2016)

Alfred Adler / Rudolf Dreikurs

  • Adler: Menschenkenntnis (1927)
  • Dreikurs: Kinder fordern uns heraus (1964)

John Bowlby / Mary Ainsworth

  • Bowlby: Attachment and Loss (1969–1980)
  • Ainsworth: Patterns of Attachment (1978)

Hans Thiersch / Heinz Sünker

  • Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit (1992)
  • Sünker: Sozialpädagogik und Gesellschaft (2000)

Kirsten Raudonat

  • Das Brückenjahr – Übergänge gestalten (2009)

Thorsten Bührmann

  • Übergänge in der frühen Bildung (2012)

Sylvia Jäde

  • Elternschaft als Übergang (2014)

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